|
Hel
Hel - die Göttin der Toten
Hel ist die Göttin der Toten und in der Edda eine Tochter von Loki und der
Riesin Angurboda, gehört also nach dieser Abstammung zu den Jöten und wird auch
nie zu den Asinnen gezählt. Dennoch ist sie eine Göttin, denn das Reich der
Göttinnen umfaßt Leben und Tod. So ist auch die freundlichste unter den
lebensspendenden Vanengottheiten, Freyja, zugleich Kriegerin und Herrin über den
Tod, die die Hälfte der gefallenen Krieger in ihren Palast Folkvangr aufnimmt
(die andere Hälfte geht zu Odin nach Valhall). Ins Totenreich der Hel wandern
nach der Edda-Überlieferung die Seelen derjenigen, die den "Strohtod", also auf
dem Strohsack eines natürlichen Todes gestorben sind. Es gibt aber auch
Überlieferungen, wonach alle Toten, auch die größten Helden und sogar Baldur,
ins Reich der Hel eingehen.
Hels Name (altdeutsch Hella) hängt mit verhehlen zusammen, bezieht sich also
nur auf die verborgene Existenz der Toten und hat keinerlei negative Bedeutung.
Erst in christlicher Zeit wurde das Totenreich, das wie seine Herrscherin Hel
heißt, zur Hölle im Sinn der hebräischen Mythologie – mit dem Hintergedanken,
alle toten Heiden, die wie Baldur zur Hel gingen, posthum zur Hölle zu schicken.
Auch die Edda beschreibt Hel als ein Reich der Finsternis und des Schreckens,
doch diese Beschreibungen dienen nicht zur Schürung künstlicher Ängste, die
unbotmäßige "Gläubige" gefügig machen sollen, sondern stellen einfach die
natürlichen Schrecken des Todes dar, die er nun einmal hat und die unsere
Religion erst gar nicht zu leugnen oder zu beschönigen versucht. Wie die Nornen
wird Hel respektiert, aber nicht mit Riten verehrt.
Heidnische Jenseitswelten
Das Reich Hel ist eine von mehreren mythischen Visionen, die das Heidentum
über das Weiterleben nach dem Tod hervorgebracht hat. Eine andere ist, wie
erwähnt, die Aufnahme in die jenseitigen Reiche Odins und Freyjas, sehr
verbreitet ist auch der Glaube an die Wiedergeburt, der in zahlreichen Sagas
belegt ist, und das Bewußtsein, daß man in den Nachkommen (was ja kein Glaube,
sondern biologisches Faktum ist) und in der Erinnerung weiterlebt. Ein alter
indogermanischer Glaube ist die Wiedergeburt in einem direkten Nachkommen. Daher
wurden bei Germanen und Griechen Kinder oft nach einem verstorbenen Vorfahren
benannt.
Diese Vielfalt mag jemanden irritieren, der nach einer eindeutigen Antwort
sucht, es hat aber einen guten Grund, warum das Heidentum diese Antwort
scheinbar schuldig bleibt: Wir machen uns nichts vor – der Tod ist Hel, das
Verborgene. Er gibt sein letztes Geheimnis nicht preis. Wir können es nur
erahnen und respektieren, daß es ein Geheimnis bleibt, dem wir uns auf
verschiedene Weise nähern, das wir aber niemals ausloten können. Deshalb haben
alle verschiedenen Visionen ihre Berechtigung, ihre Wahrheit und sogar ihre
Notwendigkeit: Einem Mysterium, das unser Begreifen übersteigt, können wir uns
nicht auf einer Einbahnstraße nähern. Es kann nur viele Wege geben, die
verschieden sein können und auch müssen.
Eines haben aber alle heidnischen Jenseitsvisionen gemeinsam: Sie haben
nichts mit Lohn oder Strafe zu tun, und sie sind nicht dazu da, daß man das
diesseitige Leben nach ihren ausrichtet. Weiterleben ist keine moralische
Einrichtung, sondern ein Teil des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, in
dem es den Tod geben muß, damit es Leben gibt. Und das ist am wichtigsten. Im
Heidentum geht es vor allem um das Leben vor dem Tod. Es will uns weder Ängste
noch Hoffnungen machen, sondern lehren, das Leben zu lieben und den Tod nicht zu
fürchten.
|