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Thor

Thor
 

Thor (altgerm. Donar, altengl. Thunaer, nord. Schreibung Þórr) ist der Sohn Odins und der Mutter Erde, die in der Edda Jörd, Fjörgyn oder Hlodyn heißt. Er ist der stärkste und mutigste der Asen und hat die Aufgabe, Götter und Menschen vor allen zerstörerischen und finsteren, lebensfeindlichen Kräften zu beschützen. Er ist von zuverlässigem, geradlinigem Charakter, hilfsbereit für seine Freunde und zornig gegen seine Feinde, die vor allem die Thursen sind, wie diejenigen unter den Urwesen vom Stamm der Jöten genannt werden, die den Göttern feindlich gesinnt sind und Schaden auf der Welt anrichten. Viele Mythen der Edda erzählen von seinen Kämpfen gegen sie.
 

Thors Gestalt im Mythos
 

Thors schützende Kraft zeigt sich in der Natur in der Gewalt von Blitz und Donner. Sein heiliger Baum ist die Eiche, sein Tier der Ziegenbock. Im Mythos fährt er auf seinem Streitwagen, der von zwei Böcken gezogen wird, gegen seine Feinde. Als Gott der sozialen Schutzfunktion (Krieger) beschreiben ihn die Dichter so, wie man sich einen Vikingerkrieger vorstellt: groß, kräftig gebaut und mit dichtem rotem Bart. Er hat funkelnde Augen, die seinen Feinden Angst machen, eine laute Stimme und kann Unmengen essen und trinken.
 

Thors Waffe und ist ein Hammer, der Mjöllnir heißt und von Alben geschmiedet wurde. Wenn er ihn nach seinen Feinden wirft, kehrt er wie ein Boomerang wieder in seine Hand zurück. Mit seinem Hammer kämpft Thor aber nicht nur, sondern weiht damit auch alles, was schützenswert ist, z.B. die Ehepaare bei der Hochzeit, den Spruch des Richters, das Trankopfer oder die Runen, die man ritzt. Er heißt Véorr, Beschützer, Vingþórr oder Vingnir, Weihender, und Ása-Þórr, weil er zur Asenfamilie gehört.
 

Thors Wohnort in Asgard heißt Thrudheim (Kraftheim) und seine Halle dort heißt Bilskirnir. Seine Gattin ist Sif (Sippe), seine Söhne sind Magni (Starker) und Modi (Zorniger), seine Tochter Thrudur (Kraft) und sein Ziehsohn der Wintergott Ullr. Auf seinen Fahrten wird Thor von den Bauernkindern Thjálfi und Röskva begleitet, oft auch von Loki, der ihn mit trickreichen Einfällen unterstützt.
 

Der Sohn der Erde
 

Die älteste Darstellung Thors, eine bronzezeitliche Felszeichnung aus Schweden, zeigt ihn als bockshörnigen, zwei Hämmer schwingenden Gott der Fruchtbarkeit oder besser der Männlichkeit. Als Sohn der Erde hat Thor am lebensspendenden Wesen seiner Mutter ebenso Anteil wie am magischen Geist seines Vaters Odin, der sich in der schamanischen Tiermaske zeigt. Der Name seiner Frau Sif und die Verwendung seines Hammers zur Weihe der Ehepaare weisen darauf hin, daß Thor eng mit dem Fortbestand der Sippe verbunden ist. Da seine Naturmanifestation Gewitter und Regen sind, spendet er auch den Feldern und Weiden Wachstum.
 

Deshalb – und natürlich als Beschützer des Lebens, der Haus und Hof, Familie, Tiere und Felder vor Schaden bewahrt – ist Thor ein Gott der Bauern, die ihn stets ganz besonders verehrten. Vielen steht er persönlich näher als Odin. In der Vikingerzeit galt Odin als Gott der Krieger, Anführer und Dichter, Thor aber als Gott des Volkes.
 

Fulltrúi – der vertraute Freund
 

Einen Gott, dem sich jemand besonders verbunden fühlte, nannte man in der Vikingerzeit fulltrúi, "vertrauter Freund" oder "einer, dem man voll und ganz trauen kann". Diese Funktion erfüllte für die meisten Nordleute Thor. Er war es, an den sie sich in ihren täglichen Sorgen wandten, den sie um Hilfe und Schutz anriefen und dessen Vorbild ihnen die innere Kraft gab, sich wie er gegen die Bedrohungen ihres Daseins zu behaupten.
 

Diese Vorbildwirkung eines Gottes ist besonders wichtig, denn die Götter wollen als innere Kräfte der Welt und des Menschengeistes nicht wie ferne Mächte angebetet, sondern in uns verwirklicht werden. Es hat daher keinen Sinn, sich einem starken Gott mit schwächlichen Demutsgesten zu nahen. Er würde dich gar nicht zur Kenntnis nehmen bzw. du würdest ihn, wenn er es täte, gar nicht begreifen. Deshalb mußt du der Gottheit, die du anrufst, ähnlich werden, so gut du kannst, um gewissermaßen auf gleicher Wellenlänge überhaupt mit ihr kommunizieren zu können.
 

Da die meisten Vikinger Thor ähnlich sein wollten, wurden auch viele von ihren Eltern nach Thor genannt, z.B. Thorsteinn, Thorbjörn, Thorvaldur usw. Auch Frauen hatten oft Thorsnamen wie Thorgerdur oder Thordis. Verbreitet war der Brauch, Darstellungen Thors oder sein Symbol, den Hammer, in die Stützbalken der Häuser zu schnitzen. Die Besiedler Islands brachen zumeist ihre alten Häuser ab und nahmen sie in die neue Heimat mit. Sobald ihre Schiffe in auflandige Strömung kamen, warfen sie die Stützbalken mit Thors Bild über Bord. Dann beobachteten sie, wohin die Strömung die Balken trieb, und siedelten sich dort an, "wo Thor an Land gegangen war."
 

Der komplexe Geist Thors
 

Über Thor gibt es eine große Zahl von Mythen, deren gemeinsames Motiv die Fahrten Thors gegen gefährliche Feinde der Götter ist. Oberflächlich gesehen, gleichen sie heroischen Abenteuergeschichten, bei näherem Hinsehen lassen sie aber eine sehr tiefgründige Symbolik erkennen. Im Mythos vom Riesenbaumeister spielt Thor auch eine tragische Rolle von universaler Tragweite. Nicht zuletzt gehört er wie Odin und Tyr zu den verletzten Göttern: Seit seinem Kampf mit Hrungnir steckt ein Stück von dessen Waffe, einem Wetzstein, in Thors Kopf – diese Verletzungen zeigen, daß auch die Götter erst durch Kampf und Mühen, von denen ihnen auch Narben blieben, zu dem wurden, was sie sind.
 

Aus dem allem wird klar, daß Thor keineswegs eine so einfache, auf rohe Kraft und kämpferische Schutzfunktion beschränkte Gestalt ist, wie ihn manche gern sehen würden. Hinter seinen Kämpfen und Fahrten steht ein komplexer und tiefgründiger Geist, der immer unterwegs ist, forschend und Erfahrung sammelnd, auf der stetigen Suche nach Entwicklung und höherer Entfaltung seines Wesens. Das ist ja der Sinn des Reise-Motivs in den Mythen: die Reise zum Selbst, auf der zahlreiche Gefahren, Umwege und Irrwege lauern.
 

Es stimmt also nicht, daß Thors Weg weniger geistvoll wäre als der Odins. Er mag beschwerlicher sein, weil Thor durch die Flüsse waten muß, über die Odin auf der Brücke reiten kann. Vielleicht ist er aber eben deshalb auch der sicherere Weg. Man bleibt auf der Erde.
 

Die Verehrung Thors
 

Thor ruft man in allen Dingen an, bei denen man göttlichen Schutz braucht und selbst stark und durchsetzungsfähig sein muß, aber auch als Weihegott, wenn man Runen, Kultplätze, Menschen und Tiere, die Felder oder wichtige Handlungen weihen, d.h. mit göttlicher Kraft laden und vor schädlichen Einflüssen schützen will. Dazu macht man das Hammerzeichen, indem man ein auf dem Kopf stehendes T in die Luft oder über die Dinge zeichnet, die man weihen will. In dieser Form zeigt der Hammer, ebenso wie bei den Thorshämmern, die wir als Amulette und Erkennungszeichen tragen, als Ausdruck der friedlichen Absicht mit dem Eisen nach unten.
 

Der Schutzgott des Heidentums
 

Diese Thorshämmer sind alte Schutzamulette, waren aber schon in der Vikingerzeit, als Gegensymbol zum Christenkreuz, das Erkennungszeichen der Heiden und somit ein Symbol bewußten Heidentums. In dieser Zeit wurden viele Krieger, die Odin verehrt hatten, Gefolgsleute der christlichen Könige und nahmen die fremde Religion ihrer Chefs an. Der Widerstand gegen Zentralherrschaft und Zwangsmission – für die angestammte Religion und ihre demokratische Sippenordnung – ging von den Bauern aus, die Thor verehrten. So wurde die Verehrung Thors von den Königen am brutalsten verfolgt, konnte sich aber dennoch lange behaupten. Es wird auch erzählt, daß Thor dem norwegischen König Olaf auf seinem Schiff erschien und ihn zur Rede stellte. Dann sprang er ins Meer, ohne Rache zu üben.
 

Diesen schützenden, aber friedfertigen, hilfreichen Gott, der uns mit Kraft und Stärke erfüllt, verehren wir auch als Schutzgott unserer Religion.
 

Thors Fahrten
 

Thor besiegt Hrungnir
 

Von den zahlreichen Kämpfen Thors gegen Thursen ist der gegen Hrungnir der berühmteste. Hrungnir war der stärkste unter den Thursen und hatte ein Herz aus Stein, das wie das Kraftsymbol aussah, das "Hrungnirs Herz" heißt (Bild). Einmal traf Odin auf ihn, und Hrungnir, dessen Pferd Gullfaxi das schnellste in Jötunheim war, forderte ihn zu einem Rennen auf. Sie ritten, bis sie nach Asgard kamen. Dort prahlte Hrungnir mit seiner Kraft und drohte, er würde alle Götter töten, bis Thor kam und ihn zum Zweikampf forderte.

 

Dieser Kampf wurde mit einem einzigen Wurf entschieden. Hrungnir hatte als Waffe einen gewaltigen Wetzstein, den er gegen Thor warf, und der Gott warf gleichzeitig seinen Hammer. In der Luft trafen sie sich, der Wetzstein zersprang, der Hammer aber flog weiter und zertrümmerte Hrungnirs Kopf. Ein Stück des Wetzsteins traf jedoch Thors Kopf und drang so fest in ihn ein, daß er nicht mehr zu lösen war.
 

Der verletzte Gott
 

Wie Odin, der auf der Suche nach Weisheit ein Auge verlor, und Tyr, der bei der Fesselung des Fenriswolfs eine Hand einbüßte, ist auch Thor verletzt. Er trägt die Spur eines entscheidenden Kampfes, den Steinsplitter in seinem Kopf, immer an sich. Damit machten unsere Seher und Mythendichter ihren Zuhörern bewußt, daß auch ein Gott nicht seit jeher vollkommen ist, sondern sein ganzes Selbst erst durch Mühen und Opfer erlangen muß, die sich in solchen Spuren niedergeschlagen haben. An ihnen werden, wie an den Falten und Narben der Menschen, Erfahrung und Reifung sichtbar, die einen Gott erst zu dem machen, was er ist.
 

Thor ist ein Kämpfer und trägt natürlich die Spur einer Kampferfahrung. Sie ist aber zugleich mehr, denn Wetzsteine wurden aus jenen Meteoriten oder Lavasteinen gemacht, die man auch Donnerkeile nannte, weil man glaubte, sie wären durch Blitzeinschläge entstanden. Hrungnirs Waffe steht also mit Thors eigenem Naturbereich in Verbindung, er kämpft im Grund – im Kampf gegen den stärksten Thursen – gegen die zerstörerische, dunkle Seite seiner eigenen Kraft und seines eigenen Wesens. Erst indem er sich diesem Kampf offen stellt, mythisch in der Form des fairen Zweikampfs, wird er ganz Herr seiner eigenen Kraft.
 

Thors Fahrt gegen Geirrödur
 

Die Auseinandersetzung mit der "anderen Seite", diesmal in mehr als nur einer Form, spielt auch bei Thors Fahrt gegen Geirrödur eine wichtige Rolle. Daß es dabei um das innere Wesen Thors geht, erkennt man daran, daß er ohne sein äußeres Hilfsmittel, den Hammer, losziehen muß. Das kam daher, daß Loki, Odins Blutsbruder, von Geirrödur gefangen wurde und Mjöllnir stahl, um ihn dem Thursen als Lösegeld zu geben. Wieder frei, begleitete er Thor zu Geirrödur, um den Hammer zurückzuholen.
 

Auf dem Weg dorthin suchten sie Gridur auf, eine Weise Frau vom Stamm der Jöten. Mit ihr zeugte Odin den schweigsamen Vidar, dem bestimmt ist, nach der Götterdämmerung seinen Vater zu rächen. Von Gridur erhielt Thor einen Kraftgürtel, Eisenhandschuhe und den Stab Gridarvölur, einen Stab, wie ihn eine Seherin (nord. völva) hat. So lernt Thor, der die Jöten sonst als Feinde (Thursen) bekämpft, zum einen die positive Seite ihres Wesens als Urkräfte kennen, zum anderen aber auch die Magie der Weisen Frauen, d.h. die weibliche Seite der Göttlichkeit.
 

Nur dadurch gelingt es ihm, der "anderen Seite" der weiblichen Magie zu widerstehen, dem Schadenzauber, den Geirröds Töchter ausüben. Die eine läßt den Fluß Vimur anschwellen, den Thor durchwaten muß, doch er kann sich mit dem Stab Gridarvölur retten. In Geirröds Halle schließlich stemmen sich beide unter den Stuhl, auf dem Thor Platz nimmt, und versuchen ihn an der Decke zu erdrücken, doch er stemmt den Stab dagegen und bricht beiden den Rücken. Nun wirft Geirrödur selbst ein glühendes Eisenstück nach ihm, das Thor mit den Eisenhandschuhen, die ihm Gridur gegeben hat, auffängt und zurückschleudert. Es fährt durch eine eiserne Säule, durchbohrt Geirrödur und dringt tief in die Erde ein.
 

Ein Schlüsselmotiv, das diesen Mythos als Reise Thors zum eigenen Selbst, als Einweihungsweg, erkennen läßt, ist das Durchwaten des Flusses. Thor kann wegen seiner gewaltigen Schritte als einziger Gott die Brücke Bifröst nicht benutzen, die von Midgard nach Asgard führt, also auch als Pfad der Einweihung zu verstehen ist. Thor muß durch die Eisflüsse waten. Sein Weg ist beschwerlicher, der Krieger muß sich den Zugang zur höheren Weisheit härter erkämpfen als der Magier oder Dichter. Er kommt aber genauso an. Den Fluß Vimur kann Thor jedoch nur überqueren, weil er den Stab der Seherin hat. Als starker Sohn der Erde und Beschützer seiner Familie das Urbild der Männlichkeit, bedarf er – und gerade er – weiblicher Kräfte, d.h. der "anderen Seite" des eigenen Selbst, die in uns allen ist. Noch hat er sie freilich nicht wirklich in sich integriert. Er nimmt mit den Geschenken der Weisen Frau zunächst nur ihre Hilfe in Anspruch.
 

Der Raub des Hammers
 

Eines Morgens wacht Thor auf und vermißt seinen Hammer. Loki, dem er davon berichtet, leiht von Freyja ihr Falkengewand, sucht nach dem Hammer und findet schließlich den Thursen Thrymur, der prahlt, er habe ihn gestohlen. Wenn die Götter die Waffe Thors und mit ihr ihren Schutz zurückhaben wollten, müßten sie ihm Freyja zur Frau geben. Natürlich weigert sie sich, aber Loki weiß eine List: Thor selbst müsse sich in Freyjas Kleidern als Braut zu Thrymur begeben und sehen, wie er dort seinen Hammer wiederbekäme. Zwar fürchtet Thor, in der Verkleidung lächerlich zu wirken, doch die Götter überreden ihn, den Plan zu befolgen.
 

Mit Loki, der sich als Magd verkleidet, reist Thor, den Bart unter dem Brautschleier verborgen, an Thryms Hof und schreckt den Thursen schon beim Willkommensmahl dadurch, daß er allein einen Ochsen und acht Lachse verspeist. Als Thrymur die vermeintliche Braut küssen will, schreckt er vor dem funkelnden Blick Thors zurück. Loki redet dem Thursen ein, Freyja habe aus Sehnsucht nach ihm tagelang nichts gegessen, und ihre Augen würden vor Verlangen brennen. Da holt Thrymur Thors Hammer, um die Braut zu weihen. Thor ergreift seine Waffe und erschlägt den Thursen.
 

Die Integration der "anderen Seite"
 

Dieser Mythos ist sehr klar und, obwohl er im Eddalied "Þrymskvida" mit kunstvollen Wortspielen und volkstümlich lustig erzählt wird, sehr ernst und bedeutungsvoll. Die Hammerlosigkeit Thors zeigt wiederum, daß es um die innere Entwicklung seines Wesens geht, und die Verkleidung als Frau sagt eindeutig, welche Stufe dieser Entwicklung gemeint ist: Thor muß jetzt die "andere Seite", die er im Kampf gegen Geirrödur kennengelernt hat, als Teil seines Wesens anerkennen und bewußt entwickeln, psychologisch gesprochen: den auch im Mann vorhandenen weiblichen Wesensanteil, die Anima, in sein Selbst integrieren.
 

In unserer Mythologie ist es immer erst die Polarität, man kann auch sagen: die Vereinigung der Gegensätze, in der sich die Ganzheit ergibt. Die Verkleidung ist ein schamanischer Ritus. Wie sich der Schamane mit Tiermasken geistig mit diesen Tieren identifiziert und in sie verwandelt, wird Thor während des Einweihungsritus im Geist zur Frau, befreit seine Anima – und ist eben dadurch mehr denn je fähig, als ganzer Mann zu handeln.
 

Thors größter Kampf
 

Die Kämpfe, die Thor gegen das Thursenvolk führt, sind zwar schwierig, es ist aber kein Gegner dabei, den Thor nicht besiegen könnte. Nur einen Feind gibt es, der ihm überlegen ist, und das ist die Midgardschlange, die auch Jörmungand heißt und rund um die Welt im Meer liegt. Sie ist, wie der Wolf Fenrir, der in der Götterdämmerung gegen Odin kämpfen und ihn töten wird, ein Kind Lokis, das er mit der Thursin Angurboda ("Angstbringerin") gezeugt hat – ein Ungeheuer, das die ganze Fülle der Gefahren und lebensfeindlichen Mächte verkörpert, die die lebendige, von den Göttern geordnete Welt, den Kosmos, bedrohen.
 

Dreimal tritt Thor gegen sie an. Zum ersten Mal kämpft er gegen sie auf seiner Fahrt zu Hymir. Das ist ein Eisriese des Nordens, der Ziehvater Tyrs, denn er heiratete die schöne Jötentochter, mit der Odin den Gott der Gerechtigkeit gezeugt hat. Tyr und Thor suchen ihn auf, um seinen berühmten Braukessel zu holen, den die Götter zum Brauen des Biers für ein großes Fest brauchen. Sie bleiben eine Weile zu Gast. Dabei nimmt Hymir Thor zum Fischfang mit. Als Köder nimmt Thor den Kopf des größten Ochsen aus Hymirs Herde, und er rudert bis ans Ende des Meeres, dorthin, wo die Midgardschlange liegt. Als sie anbeißt, muß sich Thor so fest gegen das Boot stemmen, daß er den Boden durchtritt. Er zieht gerade den Kopf der Schlange aus dem Wasser und will sie mit dem Hammer erschlagen, da kann Hymir seine Angst nicht mehr überwinden und kappt die Angelschnur. Die Schlange entkommt.
 

Aus Wut darüber gibt Thor Hymir eine so gewaltige Ohrfeige, daß er ins Meer fällt, rettet ihn aber wieder und verlangt den Kessel. Hymir will aber zuerst eine Kraftprobe, die in Wirklichkeit eine magische Probe ist. Thor soll versuchen, Hymirs Glasbecher zu zerschlagen. Er wirft ihn zuerst gegen eine Steinsäule, doch die Säule zerbricht. Da rät ihm Tyrs Mutter, den Becher an Hymirs Kopf zu werfen. Dort, am Ursprung seiner magischen Kraft, zerbricht der Becher, und Hymir gibt den Braukessel her, der so groß und schwer ist, daß nur Thor ihn tragen kann.
 

Dieser Kessel ist natürlich kein gewöhnliches Küchengerät. Da in ihm der Opfertrank gebraut wird, ist der Kessel seit der Bronzezeit ein bedeutendes, im Druidentum überhaupt das bedeutendste Ritualgerät. Wer die Magie des Kessels beherrscht, ist ein Weiser und Eingeweihter. Der Gewinn des Kessels durch Thor drückt also aus, daß er sein Wesen vollendet hat – auf seine Art, indem er sich der größten aller Bedrohungen, auch wenn er sie nicht endgültig besiegen kann, gestellt hat.
 

Thors Fahrt zum Utgard-Loki
 

Dieser Mythos macht in der Art, wie ihn Snorri Sturluson in der Jüngeren Edda erzählt, einen sehr märchenhaften Eindruck, der darauf zurückgeht, daß er eine symbolhafte Einweihungsgeschichte ist, in der eigentlich nicht Thor selbst gemeint ist, sondern jeder, der den spirituellen Weg Thors gehen will. Der Ursprung des Mythos liegt in einem alten Einweihungsritus.
 

Er beginnt daher auch mit einer rituellen Handlung, dem Opfer der Ziegenböcke, nach dem die Bauernkinder Thor begleiten. In der Edda ist es Thor selbst, der bei einem Bauern einkehrt und für das gemeinsame Abendessen seine beiden Böcke schlachtet. Am Morgen weiht er die Überreste mit dem Hammer, und die Böcke werden wieder lebendig. Nur einer lahmt, da die Bauernkinder einen Knochen gebrochen haben. Als Wiedergutmachung treten diese Kinder, Thjálfi und seine Schwester Röskva, in Thors Dienst und begleiten ihn seither.
 

Gemeinsam mit Loki reisen sie nun nach Utgard, der "Außenwelt" außerhalb des geordneten Kosmos, in der die Urkräfte des Chaos leben, um dort auf ihren Herrscher, den Utgard-Loki, zu treffen. Er trägt denselben Namen wie Odins Blutsbruder, denn er ist ein Schamane und Magier wie Odin, aber eben einer von der "dunklen Seite". In der Gestalt des Riesen Skrymir, dem sie unterwegs begegnet, täuscht er Thor: Dreimal schlägt der Gott mit dem Hammer nach ihm, doch jedesmal zieht er hohe Berge vor seinen Kopf und bleibt dadurch unverletzt. In seiner Halle fordert Utgard-Loki die Besucher zu drei Wettkämpfen auf: Loki muß sich mit einem Mann namens Logi im Essen messen, Thjálfi im Wettlaufen mit Hugi. Beide werden geschlagen. Thor selbst erhält drei Aufgaben: Er muß aus Utgard-Lokis Horn trinken und leert es nur zur Hälfte; er muß eine Katze hochheben und schafft es nicht; und er muß gegen eine alte Frau ringen und verliert.
 

Utgard-Loki erklärt, warum sie unterlagen: Logi war das Feuer, das alles verschlingt, Hugi der Gedanke, der schneller als alles ist. Das Horn, aus dem Thor trank, war mit dem Meer verbunden, die Katze war in Wirklichkeit die Midgardschlange (hier trifft Thor zum zweiten Mal auf sie) und die alte Frau das Alter selbst, das niemand besiegen kann. Kaum hat er das gesagt, verschwindet er samt seiner Halle.
 

Was Thor und seine Begleiter hier erfahren haben, gehört zu den zentralen Erfahrungen, die jeder wahre Einweihungsritus vermitteln muß: die Grenzen von Macht und Verstehbarkeit, die nicht nur den Menschen gesetzt sind, die einen spirituellen Weg nach dem Vorbild einer Gottheit gehen wollen, sondern auch der Gottheit selbst. Nicht einmal Thors Kraft ist grenzenlos. Er hat in die Berge tiefe Täler geschlagen und ins Meer die Ebbe getrunken, doch bezwingen konnte er sie ebensowenig wie die Midgardschlange und das Alter. Versagt hat er dennoch nicht. Er hat Unmögliches versucht. Worauf es ankommt, ist die Erfahrung, an die Grenzen zu gehen – "existenz-erhellende Grenzerfahrung", wie es die Philosophie nennt.
 

Thors Ende
 

Der dritte Kampf, den Thor gegen die Midgardschlange führen muß, wird auch sein letzter sein. Zweimal entkommt sie ihm, beim dritten Mal, in der Götterdämmerung, tötet er sie – und sie ihn. Nach einem gewaltigen Ringen trifft er sie mit seinem Hammer tödlich, doch im Kampf hat sie all ihr Gift über ihn gespien. Neun Schritte geht Thor von dem sterbenden Ungeheuer zurück, dann bricht auch er tot zusammen.
 

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