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Thor
Thor
Thor (altgerm. Donar, altengl. Thunaer, nord. Schreibung Þórr) ist der Sohn
Odins und der Mutter Erde, die in der Edda Jörd, Fjörgyn oder Hlodyn heißt. Er
ist der stärkste und mutigste der Asen und hat die Aufgabe, Götter und Menschen
vor allen zerstörerischen und finsteren, lebensfeindlichen Kräften zu
beschützen. Er ist von zuverlässigem, geradlinigem Charakter, hilfsbereit für
seine Freunde und zornig gegen seine Feinde, die vor allem die Thursen sind, wie
diejenigen unter den Urwesen vom Stamm der Jöten genannt werden, die den Göttern
feindlich gesinnt sind und Schaden auf der Welt anrichten. Viele Mythen der Edda
erzählen von seinen Kämpfen gegen sie.
Thors Gestalt im Mythos
Thors schützende Kraft zeigt sich in der Natur in der Gewalt von Blitz und
Donner. Sein heiliger Baum ist die Eiche, sein Tier der Ziegenbock. Im Mythos
fährt er auf seinem Streitwagen, der von zwei Böcken gezogen wird, gegen seine
Feinde. Als Gott der sozialen Schutzfunktion (Krieger) beschreiben ihn die
Dichter so, wie man sich einen Vikingerkrieger vorstellt: groß, kräftig gebaut
und mit dichtem rotem Bart. Er hat funkelnde Augen, die seinen Feinden Angst
machen, eine laute Stimme und kann Unmengen essen und trinken.
Thors Waffe und ist ein Hammer, der Mjöllnir heißt und von Alben geschmiedet
wurde. Wenn er ihn nach seinen Feinden wirft, kehrt er wie ein Boomerang wieder
in seine Hand zurück. Mit seinem Hammer kämpft Thor aber nicht nur, sondern
weiht damit auch alles, was schützenswert ist, z.B. die Ehepaare bei der
Hochzeit, den Spruch des Richters, das Trankopfer oder die Runen, die man ritzt.
Er heißt Véorr, Beschützer, Vingþórr oder Vingnir, Weihender, und Ása-Þórr, weil
er zur Asenfamilie gehört.
Thors Wohnort in Asgard heißt Thrudheim (Kraftheim) und seine Halle dort
heißt Bilskirnir. Seine Gattin ist Sif (Sippe), seine Söhne sind Magni (Starker)
und Modi (Zorniger), seine Tochter Thrudur (Kraft) und sein Ziehsohn der
Wintergott Ullr. Auf seinen Fahrten wird Thor von den Bauernkindern Thjálfi und
Röskva begleitet, oft auch von Loki, der ihn mit trickreichen Einfällen
unterstützt.
Der Sohn der Erde
Die älteste Darstellung Thors, eine bronzezeitliche Felszeichnung aus
Schweden, zeigt ihn als bockshörnigen, zwei Hämmer schwingenden Gott der
Fruchtbarkeit oder besser der Männlichkeit. Als Sohn der Erde hat Thor am
lebensspendenden Wesen seiner Mutter ebenso Anteil wie am magischen Geist seines
Vaters Odin, der sich in der schamanischen Tiermaske zeigt. Der Name seiner Frau
Sif und die Verwendung seines Hammers zur Weihe der Ehepaare weisen darauf hin,
daß Thor eng mit dem Fortbestand der Sippe verbunden ist. Da seine
Naturmanifestation Gewitter und Regen sind, spendet er auch den Feldern und
Weiden Wachstum.
Deshalb – und natürlich als Beschützer des Lebens, der Haus und Hof, Familie,
Tiere und Felder vor Schaden bewahrt – ist Thor ein Gott der Bauern, die ihn
stets ganz besonders verehrten. Vielen steht er persönlich näher als Odin. In
der Vikingerzeit galt Odin als Gott der Krieger, Anführer und Dichter, Thor aber
als Gott des Volkes.
Fulltrúi – der vertraute Freund
Einen Gott, dem sich jemand besonders verbunden fühlte, nannte man in der
Vikingerzeit fulltrúi, "vertrauter Freund" oder "einer, dem man voll und ganz
trauen kann". Diese Funktion erfüllte für die meisten Nordleute Thor. Er war es,
an den sie sich in ihren täglichen Sorgen wandten, den sie um Hilfe und Schutz
anriefen und dessen Vorbild ihnen die innere Kraft gab, sich wie er gegen die
Bedrohungen ihres Daseins zu behaupten.
Diese Vorbildwirkung eines Gottes ist besonders wichtig, denn die Götter
wollen als innere Kräfte der Welt und des Menschengeistes nicht wie ferne Mächte
angebetet, sondern in uns verwirklicht werden. Es hat daher keinen Sinn, sich
einem starken Gott mit schwächlichen Demutsgesten zu nahen. Er würde dich gar
nicht zur Kenntnis nehmen bzw. du würdest ihn, wenn er es täte, gar nicht
begreifen. Deshalb mußt du der Gottheit, die du anrufst, ähnlich werden, so gut
du kannst, um gewissermaßen auf gleicher Wellenlänge überhaupt mit ihr
kommunizieren zu können.
Da die meisten Vikinger Thor ähnlich sein wollten, wurden auch viele von
ihren Eltern nach Thor genannt, z.B. Thorsteinn, Thorbjörn, Thorvaldur usw. Auch
Frauen hatten oft Thorsnamen wie Thorgerdur oder Thordis. Verbreitet war der
Brauch, Darstellungen Thors oder sein Symbol, den Hammer, in die Stützbalken der
Häuser zu schnitzen. Die Besiedler Islands brachen zumeist ihre alten Häuser ab
und nahmen sie in die neue Heimat mit. Sobald ihre Schiffe in auflandige
Strömung kamen, warfen sie die Stützbalken mit Thors Bild über Bord. Dann
beobachteten sie, wohin die Strömung die Balken trieb, und siedelten sich dort
an, "wo Thor an Land gegangen war."
Der komplexe Geist Thors
Über Thor gibt es eine große Zahl von Mythen, deren gemeinsames Motiv die
Fahrten Thors gegen gefährliche Feinde der Götter ist. Oberflächlich gesehen,
gleichen sie heroischen Abenteuergeschichten, bei näherem Hinsehen lassen sie
aber eine sehr tiefgründige Symbolik erkennen. Im Mythos vom Riesenbaumeister
spielt Thor auch eine tragische Rolle von universaler Tragweite. Nicht zuletzt
gehört er wie Odin und Tyr zu den verletzten Göttern: Seit seinem Kampf mit
Hrungnir steckt ein Stück von dessen Waffe, einem Wetzstein, in Thors Kopf –
diese Verletzungen zeigen, daß auch die Götter erst durch Kampf und Mühen, von
denen ihnen auch Narben blieben, zu dem wurden, was sie sind.
Aus dem allem wird klar, daß Thor keineswegs eine so einfache, auf rohe Kraft
und kämpferische Schutzfunktion beschränkte Gestalt ist, wie ihn manche gern
sehen würden. Hinter seinen Kämpfen und Fahrten steht ein komplexer und
tiefgründiger Geist, der immer unterwegs ist, forschend und Erfahrung sammelnd,
auf der stetigen Suche nach Entwicklung und höherer Entfaltung seines Wesens.
Das ist ja der Sinn des Reise-Motivs in den Mythen: die Reise zum Selbst, auf
der zahlreiche Gefahren, Umwege und Irrwege lauern.
Es stimmt also nicht, daß Thors Weg weniger geistvoll wäre als der Odins. Er
mag beschwerlicher sein, weil Thor durch die Flüsse waten muß, über die Odin auf
der Brücke reiten kann. Vielleicht ist er aber eben deshalb auch der sicherere
Weg. Man bleibt auf der Erde.
Die Verehrung Thors
Thor ruft man in allen Dingen an, bei denen man göttlichen Schutz braucht und
selbst stark und durchsetzungsfähig sein muß, aber auch als Weihegott, wenn man
Runen, Kultplätze, Menschen und Tiere, die Felder oder wichtige Handlungen
weihen, d.h. mit göttlicher Kraft laden und vor schädlichen Einflüssen schützen
will. Dazu macht man das Hammerzeichen, indem man ein auf dem Kopf stehendes T
in die Luft oder über die Dinge zeichnet, die man weihen will. In dieser Form
zeigt der Hammer, ebenso wie bei den Thorshämmern, die wir als Amulette und
Erkennungszeichen tragen, als Ausdruck der friedlichen Absicht mit dem Eisen
nach unten.
Der Schutzgott des Heidentums
Diese Thorshämmer sind alte Schutzamulette, waren aber schon in der
Vikingerzeit, als Gegensymbol zum Christenkreuz, das Erkennungszeichen der
Heiden und somit ein Symbol bewußten Heidentums. In dieser Zeit wurden viele
Krieger, die Odin verehrt hatten, Gefolgsleute der christlichen Könige und
nahmen die fremde Religion ihrer Chefs an. Der Widerstand gegen
Zentralherrschaft und Zwangsmission – für die angestammte Religion und ihre
demokratische Sippenordnung – ging von den Bauern aus, die Thor verehrten. So
wurde die Verehrung Thors von den Königen am brutalsten verfolgt, konnte sich
aber dennoch lange behaupten. Es wird auch erzählt, daß Thor dem norwegischen
König Olaf auf seinem Schiff erschien und ihn zur Rede stellte. Dann sprang er
ins Meer, ohne Rache zu üben.
Diesen schützenden, aber friedfertigen, hilfreichen Gott, der uns mit Kraft
und Stärke erfüllt, verehren wir auch als Schutzgott unserer Religion.
Thors Fahrten
Thor besiegt Hrungnir
Von den zahlreichen Kämpfen Thors gegen Thursen ist der gegen Hrungnir der
berühmteste. Hrungnir war der stärkste unter den Thursen und hatte ein Herz aus
Stein, das wie das Kraftsymbol aussah, das "Hrungnirs Herz" heißt (Bild). Einmal
traf Odin auf ihn, und Hrungnir, dessen Pferd Gullfaxi das schnellste in
Jötunheim war, forderte ihn zu einem Rennen auf. Sie ritten, bis sie nach Asgard
kamen. Dort prahlte Hrungnir mit seiner Kraft und drohte, er würde alle Götter
töten, bis Thor kam und ihn zum Zweikampf forderte.
Dieser Kampf wurde mit einem einzigen Wurf entschieden. Hrungnir hatte als
Waffe einen gewaltigen Wetzstein, den er gegen Thor warf, und der Gott warf
gleichzeitig seinen Hammer. In der Luft trafen sie sich, der Wetzstein
zersprang, der Hammer aber flog weiter und zertrümmerte Hrungnirs Kopf. Ein
Stück des Wetzsteins traf jedoch Thors Kopf und drang so fest in ihn ein, daß er
nicht mehr zu lösen war.
Der verletzte Gott
Wie Odin, der auf der Suche nach Weisheit ein Auge verlor, und Tyr, der bei
der Fesselung des Fenriswolfs eine Hand einbüßte, ist auch Thor verletzt. Er
trägt die Spur eines entscheidenden Kampfes, den Steinsplitter in seinem Kopf,
immer an sich. Damit machten unsere Seher und Mythendichter ihren Zuhörern
bewußt, daß auch ein Gott nicht seit jeher vollkommen ist, sondern sein ganzes
Selbst erst durch Mühen und Opfer erlangen muß, die sich in solchen Spuren
niedergeschlagen haben. An ihnen werden, wie an den Falten und Narben der
Menschen, Erfahrung und Reifung sichtbar, die einen Gott erst zu dem machen, was
er ist.
Thor ist ein Kämpfer und trägt natürlich die Spur einer Kampferfahrung. Sie
ist aber zugleich mehr, denn Wetzsteine wurden aus jenen Meteoriten oder
Lavasteinen gemacht, die man auch Donnerkeile nannte, weil man glaubte, sie
wären durch Blitzeinschläge entstanden. Hrungnirs Waffe steht also mit Thors
eigenem Naturbereich in Verbindung, er kämpft im Grund – im Kampf gegen den
stärksten Thursen – gegen die zerstörerische, dunkle Seite seiner eigenen Kraft
und seines eigenen Wesens. Erst indem er sich diesem Kampf offen stellt,
mythisch in der Form des fairen Zweikampfs, wird er ganz Herr seiner eigenen
Kraft.
Thors Fahrt gegen Geirrödur
Die Auseinandersetzung mit der "anderen Seite", diesmal in mehr als nur einer
Form, spielt auch bei Thors Fahrt gegen Geirrödur eine wichtige Rolle. Daß es
dabei um das innere Wesen Thors geht, erkennt man daran, daß er ohne sein
äußeres Hilfsmittel, den Hammer, losziehen muß. Das kam daher, daß Loki, Odins
Blutsbruder, von Geirrödur gefangen wurde und Mjöllnir stahl, um ihn dem Thursen
als Lösegeld zu geben. Wieder frei, begleitete er Thor zu Geirrödur, um den
Hammer zurückzuholen.
Auf dem Weg dorthin suchten sie Gridur auf, eine Weise Frau vom Stamm der
Jöten. Mit ihr zeugte Odin den schweigsamen Vidar, dem bestimmt ist, nach der
Götterdämmerung seinen Vater zu rächen. Von Gridur erhielt Thor einen
Kraftgürtel, Eisenhandschuhe und den Stab Gridarvölur, einen Stab, wie ihn eine
Seherin (nord. völva) hat. So lernt Thor, der die Jöten sonst als Feinde (Thursen)
bekämpft, zum einen die positive Seite ihres Wesens als Urkräfte kennen, zum
anderen aber auch die Magie der Weisen Frauen, d.h. die weibliche Seite der
Göttlichkeit.
Nur dadurch gelingt es ihm, der "anderen Seite" der weiblichen Magie zu
widerstehen, dem Schadenzauber, den Geirröds Töchter ausüben. Die eine läßt den
Fluß Vimur anschwellen, den Thor durchwaten muß, doch er kann sich mit dem Stab
Gridarvölur retten. In Geirröds Halle schließlich stemmen sich beide unter den
Stuhl, auf dem Thor Platz nimmt, und versuchen ihn an der Decke zu erdrücken,
doch er stemmt den Stab dagegen und bricht beiden den Rücken. Nun wirft
Geirrödur selbst ein glühendes Eisenstück nach ihm, das Thor mit den
Eisenhandschuhen, die ihm Gridur gegeben hat, auffängt und zurückschleudert. Es
fährt durch eine eiserne Säule, durchbohrt Geirrödur und dringt tief in die Erde
ein.
Ein Schlüsselmotiv, das diesen Mythos als Reise Thors zum eigenen Selbst, als
Einweihungsweg, erkennen läßt, ist das Durchwaten des Flusses. Thor kann wegen
seiner gewaltigen Schritte als einziger Gott die Brücke Bifröst nicht benutzen,
die von Midgard nach Asgard führt, also auch als Pfad der Einweihung zu
verstehen ist. Thor muß durch die Eisflüsse waten. Sein Weg ist beschwerlicher,
der Krieger muß sich den Zugang zur höheren Weisheit härter erkämpfen als der
Magier oder Dichter. Er kommt aber genauso an. Den Fluß Vimur kann Thor jedoch
nur überqueren, weil er den Stab der Seherin hat. Als starker Sohn der Erde und
Beschützer seiner Familie das Urbild der Männlichkeit, bedarf er – und gerade er
– weiblicher Kräfte, d.h. der "anderen Seite" des eigenen Selbst, die in uns
allen ist. Noch hat er sie freilich nicht wirklich in sich integriert. Er nimmt
mit den Geschenken der Weisen Frau zunächst nur ihre Hilfe in Anspruch.
Der Raub des Hammers
Eines Morgens wacht Thor auf und vermißt seinen Hammer. Loki, dem er davon
berichtet, leiht von Freyja ihr Falkengewand, sucht nach dem Hammer und findet
schließlich den Thursen Thrymur, der prahlt, er habe ihn gestohlen. Wenn die
Götter die Waffe Thors und mit ihr ihren Schutz zurückhaben wollten, müßten sie
ihm Freyja zur Frau geben. Natürlich weigert sie sich, aber Loki weiß eine List:
Thor selbst müsse sich in Freyjas Kleidern als Braut zu Thrymur begeben und
sehen, wie er dort seinen Hammer wiederbekäme. Zwar fürchtet Thor, in der
Verkleidung lächerlich zu wirken, doch die Götter überreden ihn, den Plan zu
befolgen.
Mit Loki, der sich als Magd verkleidet, reist Thor, den Bart unter dem
Brautschleier verborgen, an Thryms Hof und schreckt den Thursen schon beim
Willkommensmahl dadurch, daß er allein einen Ochsen und acht Lachse verspeist.
Als Thrymur die vermeintliche Braut küssen will, schreckt er vor dem funkelnden
Blick Thors zurück. Loki redet dem Thursen ein, Freyja habe aus Sehnsucht nach
ihm tagelang nichts gegessen, und ihre Augen würden vor Verlangen brennen. Da
holt Thrymur Thors Hammer, um die Braut zu weihen. Thor ergreift seine Waffe und
erschlägt den Thursen.
Die Integration der "anderen Seite"
Dieser Mythos ist sehr klar und, obwohl er im Eddalied "Þrymskvida" mit
kunstvollen Wortspielen und volkstümlich lustig erzählt wird, sehr ernst und
bedeutungsvoll. Die Hammerlosigkeit Thors zeigt wiederum, daß es um die innere
Entwicklung seines Wesens geht, und die Verkleidung als Frau sagt eindeutig,
welche Stufe dieser Entwicklung gemeint ist: Thor muß jetzt die "andere Seite",
die er im Kampf gegen Geirrödur kennengelernt hat, als Teil seines Wesens
anerkennen und bewußt entwickeln, psychologisch gesprochen: den auch im Mann
vorhandenen weiblichen Wesensanteil, die Anima, in sein Selbst integrieren.
In unserer Mythologie ist es immer erst die Polarität, man kann auch sagen:
die Vereinigung der Gegensätze, in der sich die Ganzheit ergibt. Die Verkleidung
ist ein schamanischer Ritus. Wie sich der Schamane mit Tiermasken geistig mit
diesen Tieren identifiziert und in sie verwandelt, wird Thor während des
Einweihungsritus im Geist zur Frau, befreit seine Anima – und ist eben dadurch
mehr denn je fähig, als ganzer Mann zu handeln.
Thors größter Kampf
Die Kämpfe, die Thor gegen das Thursenvolk führt, sind zwar schwierig, es ist
aber kein Gegner dabei, den Thor nicht besiegen könnte. Nur einen Feind gibt es,
der ihm überlegen ist, und das ist die Midgardschlange, die auch Jörmungand
heißt und rund um die Welt im Meer liegt. Sie ist, wie der Wolf Fenrir, der in
der Götterdämmerung gegen Odin kämpfen und ihn töten wird, ein Kind Lokis, das
er mit der Thursin Angurboda ("Angstbringerin") gezeugt hat – ein Ungeheuer, das
die ganze Fülle der Gefahren und lebensfeindlichen Mächte verkörpert, die die
lebendige, von den Göttern geordnete Welt, den Kosmos, bedrohen.
Dreimal tritt Thor gegen sie an. Zum ersten Mal kämpft er gegen sie auf
seiner Fahrt zu Hymir. Das ist ein Eisriese des Nordens, der Ziehvater Tyrs,
denn er heiratete die schöne Jötentochter, mit der Odin den Gott der
Gerechtigkeit gezeugt hat. Tyr und Thor suchen ihn auf, um seinen berühmten
Braukessel zu holen, den die Götter zum Brauen des Biers für ein großes Fest
brauchen. Sie bleiben eine Weile zu Gast. Dabei nimmt Hymir Thor zum Fischfang
mit. Als Köder nimmt Thor den Kopf des größten Ochsen aus Hymirs Herde, und er
rudert bis ans Ende des Meeres, dorthin, wo die Midgardschlange liegt. Als sie
anbeißt, muß sich Thor so fest gegen das Boot stemmen, daß er den Boden
durchtritt. Er zieht gerade den Kopf der Schlange aus dem Wasser und will sie
mit dem Hammer erschlagen, da kann Hymir seine Angst nicht mehr überwinden und
kappt die Angelschnur. Die Schlange entkommt.
Aus Wut darüber gibt Thor Hymir eine so gewaltige Ohrfeige, daß er ins Meer
fällt, rettet ihn aber wieder und verlangt den Kessel. Hymir will aber zuerst
eine Kraftprobe, die in Wirklichkeit eine magische Probe ist. Thor soll
versuchen, Hymirs Glasbecher zu zerschlagen. Er wirft ihn zuerst gegen eine
Steinsäule, doch die Säule zerbricht. Da rät ihm Tyrs Mutter, den Becher an
Hymirs Kopf zu werfen. Dort, am Ursprung seiner magischen Kraft, zerbricht der
Becher, und Hymir gibt den Braukessel her, der so groß und schwer ist, daß nur
Thor ihn tragen kann.
Dieser Kessel ist natürlich kein gewöhnliches Küchengerät. Da in ihm der
Opfertrank gebraut wird, ist der Kessel seit der Bronzezeit ein bedeutendes, im
Druidentum überhaupt das bedeutendste Ritualgerät. Wer die Magie des Kessels
beherrscht, ist ein Weiser und Eingeweihter. Der Gewinn des Kessels durch Thor
drückt also aus, daß er sein Wesen vollendet hat – auf seine Art, indem er sich
der größten aller Bedrohungen, auch wenn er sie nicht endgültig besiegen kann,
gestellt hat.
Thors Fahrt zum Utgard-Loki
Dieser Mythos macht in der Art, wie ihn Snorri Sturluson in der Jüngeren Edda
erzählt, einen sehr märchenhaften Eindruck, der darauf zurückgeht, daß er eine
symbolhafte Einweihungsgeschichte ist, in der eigentlich nicht Thor selbst
gemeint ist, sondern jeder, der den spirituellen Weg Thors gehen will. Der
Ursprung des Mythos liegt in einem alten Einweihungsritus.
Er beginnt daher auch mit einer rituellen Handlung, dem Opfer der
Ziegenböcke, nach dem die Bauernkinder Thor begleiten. In der Edda ist es Thor
selbst, der bei einem Bauern einkehrt und für das gemeinsame Abendessen seine
beiden Böcke schlachtet. Am Morgen weiht er die Überreste mit dem Hammer, und
die Böcke werden wieder lebendig. Nur einer lahmt, da die Bauernkinder einen
Knochen gebrochen haben. Als Wiedergutmachung treten diese Kinder, Thjálfi und
seine Schwester Röskva, in Thors Dienst und begleiten ihn seither.
Gemeinsam mit Loki reisen sie nun nach Utgard, der "Außenwelt" außerhalb des
geordneten Kosmos, in der die Urkräfte des Chaos leben, um dort auf ihren
Herrscher, den Utgard-Loki, zu treffen. Er trägt denselben Namen wie Odins
Blutsbruder, denn er ist ein Schamane und Magier wie Odin, aber eben einer von
der "dunklen Seite". In der Gestalt des Riesen Skrymir, dem sie unterwegs
begegnet, täuscht er Thor: Dreimal schlägt der Gott mit dem Hammer nach ihm,
doch jedesmal zieht er hohe Berge vor seinen Kopf und bleibt dadurch unverletzt.
In seiner Halle fordert Utgard-Loki die Besucher zu drei Wettkämpfen auf: Loki
muß sich mit einem Mann namens Logi im Essen messen, Thjálfi im Wettlaufen mit
Hugi. Beide werden geschlagen. Thor selbst erhält drei Aufgaben: Er muß aus
Utgard-Lokis Horn trinken und leert es nur zur Hälfte; er muß eine Katze
hochheben und schafft es nicht; und er muß gegen eine alte Frau ringen und
verliert.
Utgard-Loki erklärt, warum sie unterlagen: Logi war das Feuer, das alles
verschlingt, Hugi der Gedanke, der schneller als alles ist. Das Horn, aus dem
Thor trank, war mit dem Meer verbunden, die Katze war in Wirklichkeit die
Midgardschlange (hier trifft Thor zum zweiten Mal auf sie) und die alte Frau das
Alter selbst, das niemand besiegen kann. Kaum hat er das gesagt, verschwindet er
samt seiner Halle.
Was Thor und seine Begleiter hier erfahren haben, gehört zu den zentralen
Erfahrungen, die jeder wahre Einweihungsritus vermitteln muß: die Grenzen von
Macht und Verstehbarkeit, die nicht nur den Menschen gesetzt sind, die einen
spirituellen Weg nach dem Vorbild einer Gottheit gehen wollen, sondern auch der
Gottheit selbst. Nicht einmal Thors Kraft ist grenzenlos. Er hat in die Berge
tiefe Täler geschlagen und ins Meer die Ebbe getrunken, doch bezwingen konnte er
sie ebensowenig wie die Midgardschlange und das Alter. Versagt hat er dennoch
nicht. Er hat Unmögliches versucht. Worauf es ankommt, ist die Erfahrung, an die
Grenzen zu gehen – "existenz-erhellende Grenzerfahrung", wie es die Philosophie
nennt.
Thors Ende
Der dritte Kampf, den Thor gegen die Midgardschlange führen muß, wird auch
sein letzter sein. Zweimal entkommt sie ihm, beim dritten Mal, in der
Götterdämmerung, tötet er sie – und sie ihn. Nach einem gewaltigen Ringen trifft
er sie mit seinem Hammer tödlich, doch im Kampf hat sie all ihr Gift über ihn
gespien. Neun Schritte geht Thor von dem sterbenden Ungeheuer zurück, dann
bricht auch er tot zusammen.
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