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Nerthus
Nerthus, Njörðr, Skaði und Ullr
Diese vier Gottheiten, die in der Überlieferung z.T. unabhängig voneinander
dargestellt werden, sind ent miteinander verbunden und gehören dem Stamm der
Vanen an. Von Njörðr, Skaði und Ullr berichtet die Edda, Nerthus kommt in der
nordischen Literatur nicht mehr vor, wird aber in einem Bericht des römischen
Historikers Cornelius Tacitus ("Germania") ausführlich beschrieben.
Nerthus - die vanische Erdmutter
Nerthus ist die lateinische Schreibweise für den Namen der Göttin, die durch
die berühmte, von Tacitus beschriebene Frühlingsprozession verehrt wurde. Die
altgermanische Originalform Nerþuz ist – mit Ausnahme des Geschlechts –
sprachlich identisch mit dem Namen des Vanengottes Njörðr, woraus wir zunächst
einmal schließen können, daß auch Nerthus zum Vanenstamm gehört. Das entspricht
auch ganz ihrem Wesen. Tacitus bezeichnet sie als "Terra Mater", Mutter Erde,
und spart sich damit eine nähere Schilderung, denn die Mutter Erde wurde auch in
Rom verehrt und war seinen Lesern gut bekannt.
Tacitus berichtet von einem Heiligtum der Nerthus, das „auf einer Insel im
Ozean” lag, wahrscheinlich Helgoland („heiliges Land”) oder Seeland. Dort stand
ihr „unentweihter”, also als Urwald belassener heiliger Hain, und darin ein mit
Decken umhüllter Wagen, den nur ein einziger Priester sehen durfte. Er wußte,
wann die Göttin im Wagen erschien. Zwei Kühe zogen dann den Wagen durch die
Stammesländer ihrer Verehrer. Wohin die Göttin kommt, herrschen Feststimmung und
heiliger Friede, alles Eisen wird weggesperrt. Am Ende der Festzeit werden der
Wagen und die Göttin ins Heiligtum zurückgeführt und in einem See gewaschen.
Tacitus schrieb, daß die Knechte, die den Wagen wuschen, danach ertränkt
wurden, damit sie seinen Standort nicht verraten konnten – vielleicht auch nur
eine Schauergeschichte, die man dem neugierigen Römer erzählte, denn sie steht
im Widerspruch zum lebensfrohen Gesamtcharakter des Festes. Es fand beim
Erscheinen der lebensspendenden Göttin statt, also zu Frühlingsbeginn. In
späteren Maibräuchen wird statt des verhüllten Wagens, in dem nur der Seher die
Göttin erkennt, eine junge Frau herumgeführt, die als Priesterin und Vertreterin
der Nerthus auf dem Thron sitzt. Oft war es die Stammesführerin. Bei den Kelten
war die Königin die Vertreterin der Landesgöttin.
Nerthus gleicht in vielem der Asengöttin Ostara, die wir ebenfalls zu
Frühlingsbeginn verehren, und in Österreich der keltischen Landesgöttin Noreia,
die von den germanischen Einwanderern mit Ostara identifiziert wurde.
Nerthus und Njörðr
Njörðr ist der Vater von Freyr und Freyja und hat wie Freyr in seiner Gestalt
als Yngvi-Freyr oder Ingwaz eine enge Beziehung zum Wasser, vor allem zum Meer.
Sein Wohnsitz heißt in der Edda Nóatún, Schiffszaun. Er herrscht über das Meer
und den Wind, ist auch reich und kann Reichtum verleihen. In Norwegen sind viele
Küstenorte nach seinen Heiligtümern benannt, in Schweden auch Orte im
Landesinneren, deren Gegend besonders fruchtbar ist. Njörðr wird bei Seefahrten
und beim Fischfang, um Erfolg beim Erwerb und um Hilfe bei Eiden angerufen. Das
letztere kommt daher, daß er bei der Versöhnung der Götter nach dem Krieg
zwischen Asen und Vanen zur Bekräftigung der Eide, die sie einander geschworen
hatten, zu den Asen ging.
Seine Beziehung zum Wasser verbindet ihn ebenso wie sein Name mit Nerthus,
deren Heiligtum an einem See auf einer Insel im Meer liegt. Nerthus und Njörðr
sind in Wirklichkeit ein Götterpaar wie auch Freyja und Freyr, denn die Vanen
sind Zwillingsgottheiten, die ihre polaren Schöpferkräfte immer in weiblicher
und männlicher Gestalt zeigen. Der Mythos beschreibt diese Polaritt dadurch, daß
sie Geschwister oder Ehepartner oder beides zugleich sind. Die
Blutsverwandtschaft erschien den Sehern schließlich als zutreffendere Vision der
vanischen Zwillingsnatur: Freyr und Freyja sind Geschwister und mit Partnern aus
anderen Sippen verheiratet. Das wird auch von Njörðr berichtet.
Die Ehe von Njörðr und Skaði
Als der Jöte Thjasi Idunn entführt hatte und Loki, in einen Falken
verwandelt, die Göttin befreite, verfolgte sie Thjasi in Adlergestalt, bis er
von Thor getötet wurde. Er hatte aber eine Tochter namens Skaði, die eine
Kriegerin war und gewaffnet vor die Asen trat, um Buße zu fordern. Da ihre
Forderung gerecht war, schlugen sie ihr vor, sich zur Versöhnung unter ihnen
einen Mann zu wählen. Sie durfte aber nur die Füße sehen und mußte sich danach
entscheiden. Skadi wählte den Gott mit den schönsten Füßen, von dem sie glaubte,
daß es Baldur wäre. Es war aber Njörðr. Die Ehe war unglücklich: Njörðr liebte
das Meer, Skaði die Berge, die Jagd und den Schnee. Sie lebten eine Zeitlang
abwechselnd je neun Tage am Meer und im Gebirge, doch schließlich trennten sie
sich. Skaði bekam dann noch mehrere Söhne von Odin.
Skaði und Ullr
Skaði ist, wie ihr Name sagt, die Landesgöttin von Skandinavien, das nach
derselben Wortwurzel benannt ist. Berge und Schnee sind ihre Heimat. Ihre Söhne
mit Odin sind Stammväter einiger skandinavischer Helden. Die Jöten-Herkunft
spricht nicht gegen ihre Göttlichkeit: Auch die Asen stammen von Jöten ab. Durch
die (wenn auch irrtümliche) Wahl Njörðs zeigt Skaði, daß sie zu den Vanen
gehört, denn Füße – verglichen mit Schuhen oder Spuren – sind in vielen
Überlieferungen ein Erkennungszeichen.
Es ist daher anzunehmen, daß der Gott, mit dem Skaði Njörðr verwechselte, in
der ursprünglichen Version des Mythos nicht Baldur war, sondern Ullr, der wie
Skaði eine Gottheit der winterlichen Natur ist. Beide heißen Önduráss bzw.
Öndurdis (Gott/Göttin auf Skiern). Ullr, der Jäger und Bogenschütze, ist Skaðis
wesensverwandter Vanen-Zwilling. Die Edda zählt ihn nur deshalb zu den Asen,
weil er ein Ziehsohn Thors ist. Vanisch ist auch der Mythos, wonach er, als Odin
einmal ins Exil geht, die Führung der Götter übernimmt, denn dieses „Exil” ist
der Winter, und im kosmischen System der Vanen gibt es auch die Dualität von
Sommer- und Wintergott, ursprünglich wohl Njörðr und Ullr. Erweitert um die
Dualität von Asen (Odin) und Vanen (Ullr) gewinnt sie eine neue Dimension.
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