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Manfred von Richthofen


Der Rote Kampfflieger

von

Heinrich Priebrock


Manfred von Richthofen

Der Rote Kampfflieger

Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zu sich

VORWORT

Seit meine Eltern mir als zwölfjährigem Pennäler den ROTEN KAMPFFLIEGER zu Weihnachten geschenkt hatten, war ich Richthofenverehrer. Diese Verehrung hat - trotz der zahllosen anderen Helden, die aus unserem Volke hervorgingen - ein Leben lang angehalten. Sie wurde noch erhöht durch die Hochachtung vor dem „Roten Baron", der ich in Kanada und den USA begegnete.

Möge diese kleine Schrift, die sich neben amerikanischen Quellen im wesentlichen auf Manfred von Richthofens eigene Schilderungen seines Kriegserlebens stützt, dazu beitragen, seinen Ruhm und seine Leistungen für Deutschland vor dem Vergessen zu bewahren.

Dr. H.P.

EINE HULDIGUNG DER GEGENSEITE

Drei Tage nach seinem Fliegertod am 21. April 1918, als die Gegner sich in diesem letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges an der Westfront noch immer in härtestem Ringen gegenüberstanden, erschien in der englischen Luftfahrtzeitschrift AEROPLANE in London der folgende Nachruf:

„Richthofen ist tot. All unsere Flieger werden froh sein, daß er nicht mehr gegen uns kämpfen kann. Aber es wird keiner unter ihnen sein, der nicht den Tod eines so mutigen Ritters bedauert...

Jeder wäre stolz darauf gewesen, Richthofen im Kampf besiegt zu haben, aber jeder Angehörige der RAF würde es ebenso als Ehre empfunden haben, seine Hand zu schütteln, wäre er lebend in Gefangenschaft geraten...

Richthofen war ein tapferer Mann, ein fairer Gegner und ein wahrer Edelmann.

Möge er ruhen in Frieden!"


BOLKO VON RICHTHOFEN ÜBER SEINEN BRUDER MANFRED

Der auf dem Familiengut Schweidnitz am 2. Mai 1892 geborene Manfred entstammt einem schlesischen Geschlecht, das sich vorwiegend mit Landwirtschaft beschäftigte, aber auch namhafte Diplomaten, Geographen, Forscher und Rechtsgelehrte hervorbrachte. In Manfreds Charakter gibt uns sein jüngster Bruder Bolko, der sich später als Historiker einen Namen machte, einen Einblick, beginnend mit seinen frühesten Jugendjahren.

Das bestechendste an Manfred war seine unbedingte Wahrheitsliebe. Wie der Amerikaner Gibbons, s.Zt. Leitartikler der „Washington Post", schreibt, waren für Manfred v. Richthofen ein Lügner und ein Feigling ein und dasselbe. Seine Mutter rühmte an ihm, daß sie sich stets voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Ängstlichkeit und jegliche Wehleidigkeit waren ihm bei seiner kräftigen und gesunden Natur völlig fremd. Mit acht Jahren erkletterte er die höchsten Apfelbäume des Gutes, nicht wie üblich am Stamm entlang, sondern die äußeren Zweige greifend. Schon als kleiner Junge konnte er Purzelbäume schlagen, ohne dabei die Hände zu gebrauchen. Seine Mutter ließ ihren Söhnen volle Bewegungsfreiheit, weil sie der Ansicht war, daß sie dadurch am besten späteren Gefahren gewachsen sein würden.

Als Manfred sich einmal bei einer Sturzhocke ohne Hilfestellung eine schwere Knieverletzung zugezogen hatte und lange Zeit mit einem willenlosen Bein ans Haus gefesselt war, tröstete er seine bedrückte Mutter: Wenn ich nicht mehr auf den Beinen laufen kann, so werde ich eben auf den Händen gehen! Worauf er mit seinem selten geschickten Körper - als wäre es die natürlichste Sache von der Welt - vor ihren Augen auf den Händen durchs Zimmer lief.

Krankheit hat Manfred, außer den Masern, nie gekannt, so daß er zu seinem großen Bedauern nicht einen Schultag versäumte. Die strenge und isolierte Erziehung im Kadettenkorps war nicht gerade nach seinem Geschmack, aber „er hat die Zähne zusammengebissen und niemals geklagt." Schon früh hatte er sich für den Soldatenberuf entschieden. Bei seiner großen Liebe für den Pferdesport wollte er sicher einmal ein großer Reiterführer werden. Er hätte sich nie träumen lassen, daß er statt ein berühmter Reitergeneral, einmal in den Lüften der Erste sein würde: Sieger in 80 Luftduellen, der Welt größter Kampfflieger! Auf Bolkos Frage, warum er sich im Kriege zur Fliegerwaffe meldete, hatte er geantwortet: Flugzeugführer will ich werden, und, wenn es glückt, der




Beste von allen! „Und dabei strahlten seine blauen Augen, und gaben Zeugnis von der Festigkeit seines Entschlusses, der in ihm lebte."

„Dieser Glaube an eigenes Können, gepaart mit innerer Vornehmheit und selbstverständlicher Bescheidenheit haben, wie ich glaube, meinen Bruder in besonderem Maße befähigt, ein wirklicher Führer zu sein. Seine Ulanen, als er Leutnant war, und später alle seine Untergebenen im Jagdgeschwader Richthofen konnten ihm felsenfest vertrauen. Er sagte ihnen keine Schmeicheleien, aber er schützte sie und hielt sein Wort, und das Dienen unter ihm wurde erleichtert durch den Frohsinn und die Heiterkeit, ja oftmals durch den Übermut, mit dem er sich auch schwersten Aufgaben gegenüber gewachsen zeigte. Denn in einem war er allen, die ihm im Kriege zu folgen hatten, ein vielleicht beispielloses Vorbild: In der Tapferkeit seines Geistes, in dem absoluten Mangel jeder Furcht. Von allen, die den Krieg mit ihm erlebt haben, wird es keinen geben, der an ihm jemals, wenn er sich anschickte, dem Feind entgegenzufliegen, etwas anderes bemerkt hätte als Siegesgewißheit und Glauben an sich und den Erfolg. Je härter und schwerer aber die Kämpfe, je bedeutungsvoller der Luftkrieg für Deutschlands Schicksal und je größer Manfreds eigene Verantwortung wurden, um so ernster wurde bei aller Heiterkeit und Zuversicht des Geistes sein unbeugsamer Wille, allein und ausschließlich das Beste zu tun und zu geben für Volk und Vaterland."

KAVALLERIEOFFIZIER-KRIEGSAUSBRUCH 1914

Im folgenden soll Manfred von Richthofen selber zu Wort kommen, in der für den Soldaten üblichen Sprache, fair, humorvoll und bar jeglicher Sentimentalität.

„Natürlich konnte ich es kaum erwarten, Ostern 1911 in die Armee eingestellt zu werden. Das Ulanenregiment Nr. l, „Kaiser Alexander III.", lag in meinem lieben Schlesien. Im Herbst 1912 bekam ich endlich die Epauletten. So ungefähr das stolzeste Gefühl, was ich je gehabt habe, mit einem Male „Herr Leutnant" angeredet zu werden."

Es folgt eine sorglose Garnisonszeit, in der er als passionierter Reiter an Rennen, Geländeritten und Springkonkurrenzen teilnimmt.

„Mein letzter Ritt war der Kaiser-Preis-Ritt 1913. Mir passierte dabei eine Sache, die nicht so leicht nachgemacht werden wird. Ich galoppierte über eine Heide und stand plötzlich Kopf. Das Pferd war in ein Kaenickelloch getreten, und ich hatte mir beim Sturz das Schlüsselbein gebrochen. Damit war ich noch 70 km geritten, hatte dabei keinen Fehler gemacht und die Zeit innegehalten."


Eine ähnliche Leistung vollbrachte Obil. Frhr. v. Wangenheim bei der Olympiade 1936, der dadurch für die deutsche Militarymannschaft die Goldmedaille rettete.

Noch am Vorabend des Kriegsausbruchs sitzen die Offiziere seiner Schwadron in fröhlicher Stimmung zusammen im Kasino. Nicht einer von ihnen denkt an Krieg. Alle halten ihn für ausgeschlossen. Am nächsten Tag rücken sie ins Feld. In einem Brief Manfreds von Ostrowo am 2. August 1914 heißt es:

„Dieses seien in großer Eile meine letzten Zeilen. Seid recht herzlich gegrüßt. Sollten wir uns nicht mehr wiedersehen, so habt meinen allerherzlichsten Dank für alles, was Ihr an mir getan habt. Schulden habe ich nicht, sogar noch einige hundert Mark mehr, die ich aber mitnehme. Es umarmt jeden Einzelnen

Euer dankbarer und gehorsamer Sohn und Bruder Manfred."

Für einen Jäger und Sportsmann wie Richthofen folgt eine Zeit, die er rückblickend als eine der schönsten im ganzen Kriege bezeichnet. Als „Auge der Armee" ist die Kavallerie, von jeder anderen Waffe beneidet, als erste am Feind. Nach einigen aufregenden Abenteuern an der russischen Front wird Richthofens Einheit nach Frankreich verlegt. Im Zuge des Auftrags, die feindliche Besetzung eines großen Waldes bei Virton zu erkunden, gerät er mit seinen Reitern in einen Hinterhalt. Ein Teil seiner Patrouille wird von den in einer Waldschlucht versteckten Franzosen zusammengeschossen. Richthofen kann sich mit einigen seiner Reiter mit unverschämtem Glück den Feuersalven der Franzosen entziehen. „Es war ein wüstes Durcheinander. Der Gegner hatte uns glänzend überrumpelt."

Bei den schweren Kämpfen im Raum Metz-Verdun erhält Richthofen das Eiserne Kreuz. Aber dann landet er irgendwo in einem Graben, „wo nichts los war". Zu seinem größten Arger wird er anschließend zum Ordonnanzoffizier ernannt, in seinen Augen damit „vom Kämpfenden zum besseren Etappenschwein degradiert". Wochenlang in einem bombensicheren Unterstand zu sitzen, ist für seinen unruhigen Geist der Gipfel der Langeweile. Seine einzige Abwechslung ist die Jagd mit dem nächtlichen Ansitzen auf dem Hochsitz. Manchen kalten Morgen muß ihn dann sein Bursche „als Eiszapfen" wiederfinden.

Anfang 1915, als er glaubt, endlich an einer kleinen Offensive aktiv beteiligt zu sein, wird ihm wieder einmal eine Aufgabe weit hinten zugedacht, und dieses schlug dem Faß den Boden aus.

Er schreibt einen Brief an seinen Kommandierenden General etwa des Inhalts:

„Liebe Exzellenz, ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Käse und Eier zu sammeln, sondern zu einem anderen Zweck."

Nach diesem fauxpas wäre es ihm beinahe an den Kragen gegangen, aber schließlich gibt man seinem Drängen nach. Als er Ende Mai 1915 zur Fliegertruppe überwiesen wird, ist sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen.

VOM ZWEISITZER ZUM GROSSKAMPFFLUGZEUG

Richthofen wird zunächst als Beobachter ausgebildet. Als solcher nimmt er an der Offensive Mackensens von Gorlice nach Brest-Litowsk zwischen Juni und August 1915 teil. Die Aufklärungsflüge machen ihm viel Spaß, da sie der Aufgabe der Kavallerie so ähnlich sind.

Sein Flugzeugführer ist Graf Holck, ein Mann ganz und gar nach seinem Geschmack. Holck ist ein Sportsmann und Draufgänger, den nichts erschrecken kann. Je größer die Gefahr, um so mehr reizt sie ihn. Richthofen preist sich glücklich, mit einem solch schneidigen Kerl zusammen zu fliegen. Doch eines Tages wird den beiden diese gänzliche Abwesenheit von Furcht beinahe zum Verhängnis. Als sie bei einem Rückflug eine fast 2000 Meter hohe und etliche Kilometer breite Riesenqualmwolke über der brennenden Stadt Wiczniace in Fluglinie vor sich sehen, kommen die beiden mit einem Kopfnicken überein, statt des zeitraubenden Umwegs mitten durch den Glutofen zu fliegen. Schon nach kurzer Zeit setzt der Motor aus. Die Maschine verliert das Gleichgewicht und stürzt, sich überschlagend, ab. Richthofens einziger Gedanke: Zu dumm, auf so unnötige Weise den Heldentod zu sterben! Doch sie haben Glück. Wie durch ein Wunder haben sie plötzlich wieder freie Sicht und sind aus dem schwarzen Inferno heraus. Holck Fällt später in Frankreich, nachdem er als Einzelner drei französische Flieger angegriffen hatte, aber zuletzt von zehn Gegnern gestellt und eingekreist wurde.

Im August 1915 wird Richthofen nach Ostende versetzt, wo er einen alten Bekannten trifft. Zusammen mit Zeumer fliegt er jetzt ein „Großkampfflugzeug", das vorwiegend zum Bombenwurf verwendet wird. Auf einem ihrer Flüge erhält er seine erste „Verwundung". Um die Wirkung ihrer Bomben zu sehen, lehnt er sich zu weit raus und bekommt dabei von einem Propeller eins auf die Finger. Das Fliegen mit dieser schweren Kiste behagt ihm inzwischen sowieso nicht mehr. Er erlebt mit Zeumer in ihrem Äppelkahn den ersten Luftkampf. Das traurige Ergebnis: Ihre Kiste erhält eine ganz schöne Zahl von Treffern, ohne daß ihrem Gegner etwas passiert war.

Inzwischen tobt auf dem Boden die Champagneschlacht. Um die feindlichen Flieger in Schach zu halten, soll ein deutscher Kampfverband zusammengestellt werden. Auf der Fahrt zur Champagne lernt Richthofen einen „jungen unscheinbaren Leutnant" kennen, der schon einige Luftsiege errungen hatte: Oswald Boelcke. „Sagen Sie mal bloß, wie machen Sie' s denn eigentlich?" Boeicke lacht nur belustigt: „Ja, Herrgott, ganz einfach. Ich fliege eben ran und ziele gut, dann fällt er halt herunter." „Ich schüttelte bloß den Kopf und meinte, das täte ich doch auch, bloß daß er eben bei mir nicht runterfiele. Der Unterschied war allerdings der, er flog einen Fokker und ich mein Großflugzeug."

So geht sein ganzes Streben dahin, selber den Knüppel zu führen. Nach 25 Schulflügen wird er von Zeumer überraschend zum ersten Alleinflug aufgefordert. Er ist sicher, alles Gelernte dabei zu vergessen, und seine Schulmaschine geht auch bei der Landung prompt zu Bruch. Zwei Tage später versucht er es noch einmal, und diesmal klappt es, ohne die Kiste auf den Kopf zu stellen. Nach 14 Tagen kommt die erste Prüfung. „Ich flog die mir vorgeschriebenen Achten und die mir befohlenen Landungen, worauf ich stolz ausstieg und nun zu meinem größten Erstaunen hörte, daß ich durchgefallen sei." Richthofen war nicht der einzige später berühmt gewordene deutsche Flieger, der von diesem Anfangspech verfolgt wurde.

Im Frühjahr 1916 ist es endlich so weit, daß er einen Einsitzer fliegen kann, für einen Jäger die einzig verlockende Art des Luftkampfes. Zu dieser Zeit gelingt ihm im Raum Verdun sein erster Abschuß. In einem Brief nach Hause berichtet er vom Fliegertod Graf Holcks, der ihm sehr nahe ging.

„Man kann sich gar nicht denken, daß dieser von Gesundheit und Kraft strotzende Mensch nun nicht mehr ist. Mit einem Kopfschuß sauste er aus 3.000 Meter in die Tiefe. - Ein schöner Tod. - Holck mit einem Arm oder Bein wäre nicht auszudenken."

Noch einmal geht es nach Osten zu Bombenflügen in Rußland. Ziel sind u.a. strategische Brücken und Bahnhofsanlagen zur Abwehr einer erwarteten russischen Offensive. Die Maschinen werden bis zur äußersten Belastungsgrenze mit Bomben vollgestopft. Dann erfolgt eines Tages eine erneute Begegnung mit Oswald Boeicke, dem Altmeister der deutschen Jagdwaffe. Boeicke war nach Kowel gekommen, um geeignete Piloten für eine neue Jagdstaffel unter seinem Kommando auszusuchen. Die deutsche Jagdwaffe war während der Sommeschlacht im Sommer 1916 von der an Zahl überlegenen englischen Luftwaffe buchstäblich vom Himmel vertrieben worden. Die Folge davon war, daß die deutsche Artillerie praktisch blind war und die deutsche Infanterie in ihren Gräben durch das von feindlichen Artilleriefliegern präzise gelenkte Trommelfeuer der Engländer schwere Verluste erlitt.

„Der Gedanke, wieder an der Westfront zu kämpfen, reizte mich. Es gibt eben nichts Schöneres für einen jungen Kavallerieoffizier, als auf Jagd zu fliegen. Am nächsten Morgen sollte Boeicke wieder wegfahren. Frühmorgens klopfte es plötzlich an meiner Tür, und vor mir stand der große Mann mit dem Pour le merite. Auf den Gedanken kam ich nicht, daß er mich aufgesucht hatte, um mich aufzufordern, sein Schüler zu werden. Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen, als er mich fragte, ob ich mit ihm nach der Somme gehen wollte. Endlich war mein sehnlichster Wunsch erfüllt, und nun begann für mich die schönste Zeit meines Lebens."

Am 17. September 1916 schießt Richthofen seinen ersten Engländer ab, wobei beide Insassen schwer verwundet werden und anschließend sterben. „Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken einen Stein auf sein schönes Grab."

„Während der Sommeschlacht finden oft größere Luftkämpfe statt, „ein Dorado der Jagdflieger" für Boeicke. Oft bis zu 60 Engländer gegen leider nicht immer so viele Deutsche. Bei ihnen macht es die Quantität und bei uns die Qualität. Es waren schöne Zeiten bei unserer Jagdstaffel. Der Geist des Führers übertrug sich auf seine Schüler. Wir konnten uns blindlings seiner Führung anvertrauen."

BOELCKES TOD „Eines Tages flogen wir wieder einmal unter der Führung des großen Mannes gegen den Feind. Man hatte stets ein so sicheres Gefühl, wenn er dabei war. Es gab eben nur einen Boelcke. Ein sehr stürmisches Wetter. Viel Wolken. Andere Flieger flogen an dem Tage überhaupt nicht, nur der Jagdflieger.

„Schon von weitem sahen wir an der Front zwei freche Engländer, denen scheinbar das schlechte Wetter auch Spaß machte. Wir waren sechs, drüben waren zwei. Wären es 20 gewesen, uns hätte das Zeichen von Boelcke zum Angriff auch nicht weiter in Erstaunen versetzt.

Es beginnt der übliche Kampf. Boelcke hatte den einen vor und ich den anderen. Dicht neben Boelcke fliegt ein guter Freund von ihm. Plötzlich ist eine unnatürliche Bewegung in den beiden deutschen Flugzeugen zu beobachten. Es zuckt mir durchs Hirn: Zusammenstoß. Bei der großen Geschwindigkeit, die so ein Flugzeug hat, ist jede leise Berührung ein heftiger Aufprall.

Boelcke läßt sofort von seinem Opfer ab und geht in großem Kurvengleitflug zur Erde herunter. Noch immer hatte ich nicht das Gefühl eines Absturzes, aber wie er unter mir durchgleitet, erkenne ich, daß ein Teil seiner Tragflächen abgebrochen ist. Da war das Flugzeug steuerlos, und er stürzte ab, immer begleitet von seinem treuen Freund. Als wir zu Hause ankamen, war bereits die Meldung da: „Unser Boelcke tot!" Man konnte es nicht fassen."

Einen persönlichen Feind hat er nie gehabt, schreibt Richthofen von Boeicke. Er war gegen jedermann gleichmäßig liebenswürdig, zu keinem mehr, zu keinem weniger. Der einzige, der ihm vielleicht etwas näherstand, hatte das eben beschriebene Unglück mit ihm. Gibbons rühmt Boeicke ebenfalls wegen seiner Menschlichkeit. Der Sieger in 40 Luftkämpfen pflegte seine verwundeten Gegner im Lazarett zu besuchen, um ihnen seine Anteilnahme zu bezeigen. Einmal riskierte er sein eigenes Leben, um einen französischen Jungen vor dem Ertrinken zu retten.

Nach Boelckes Tod fällt es Richthofen zu, die überlebenden Veteranen der Staffel und ehrgeizige Neuankömmlinge im Geiste des Gefallenen zu führen. Die preußische Disziplin, die ihm im Kadettenkorps wenig gefallen hatte, dient ihm nun als Grundlage für seine neuen Aufgaben.

Vom erregenden, alle Sinne aufs Äußerste anspannden Kampf Mann gegen Mann zeugt der folgende Bericht aus Richthofens Feder über den Abschuß des „englischen Immelmann", Major Hawker. Der flotte, unbeschwerte Stil

gibt ein Bild davon, daß der Luftkampf zu diesem Zeitpunkt des Krieges noch immer in sportlichem Geist geführt wird, ohne den verzweifelten Einsatz der deutschen Piloten der letzten Kriegsjahre, als der Eintritt Amerikas in den Kampf die Aussichten auf einen deutschen Sieg zunichte macht.

„Dem Luftkampf nach hätte ich mir's schon denken können, daß es ein Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten, als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf mich 'runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während ich versuchte, hinter den Engländer zukommen. So drehten wir uns beide wie die Wahnsinnigen im Kreise mit voll laufendem Motor in 3,500 Meter Höhe. Erst 20mal linksrum, dann 30mal rechtsrum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zutunhatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und.so;gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen.

Nachdem wir so 2000 Meter tiefer gekommen waren, ohne ein Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß es nun höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellungen zu, bis ich schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer Front, angekommen war. Mein Gegner winkte mir noch, als wir bereits in 1000 Meter Höhe waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: „Well, well, how do you do?"

Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht weiter als 80 oder 100 Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt.

Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zum Schuß gekommen. In l (X) Meter Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während derer sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte ihm in 50 bis 30 Meter Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen Erfolg gebracht.

Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa 50 Meter hinter unserer Linie. Sein Maschinengewehr rammte in die Erde und ziert jetzt den Eingang über meiner Haustür."

POUR LE MERITE

Nach seinem 16. Luftsieg wird Richthofen zum Führer der Jagdstaffel II ernannt. Der Abschied von den Kameraden der Staffel Boelcke fällt ihm schwer. Aber zur Freude aller trifft zwei Tage später ein Telegramm aus dem Hauptquartier ein, daß Seine Majestät ihm den Pour le merite verliehen habe.

Flugzeuge und Bewaffnung hatten im Laufe des Jahres eine erhebliche Verbesserung erfahren. Die Motorleistung hatte sich verdoppelt, die Höhengrenze war von 3000 Meter auf über 5500 Meter gestiegen. Kämpfe im Verband lösen allmählich die Einzeljagd ab. Obwohl der Tod eine grimmige Ernte unter den Besatzungen auf beiden Seiten hält, geben sich die „Ritter der Lüfte" weiterhin sorglos und unbeschwert und scherzen über die Gefahren, denen sie täglich begegnen.

Nach einigen vergeblichen Versuchen der Tarnung von Flugzeugen am Himmel schreitet Richthofen zur Überraschung von Freund und Feind eines Tages zum anderen Extrem und streicht seine Maschine knallrot an. Diese Farbe, die ihm auf der Gegenseite den Ehrentitel „Der Rote Baron"

einträgt, wird ein bald weltweit bekanntes Symbol seiner Furchtlosigkeit. Es ist, wie Gibbons feststellt, wie das Hinwerfen eines Fehdehandschuhs, der den Angriff förmlich herausfordert.

Die Bildung eines „Antirichthofengeschwaders" auf englischer Seite mit in Aussicht gestellten hohen Belohnungen und einem eigens zum Festhalten seines Abschusses mitzuführenden Fotographen kann Richthofen nicht schrecken und wird eher von ihm als Scherz und Kompliment angesehen. „Das ist sehr viel Ehre für mich, aber ich muß ehrlich sagen, ich bin in eine große Verlegenheit geraten. Was geschieht, wenn ich mir nun einen heraussuche und abschieße, und ich habe Pech und schieße gerade den

Kinooperateur ab! Was dann? Dann wird der ganze britische Heeresfilm gestört, dann geraten die Herren drüben in ernsteste Verlegenheit, und dann werden sie mir schwere Vorwürfe machen."

Erst auf das ständige Drängen seiner Männer läßt Richthofen sich schließlich überreden, alle Maschinen seiner Staffel rot anmalen zu lassen. Allerdings behält er sich für seinen Vogel vor, ihn ganz in Rot zu lassen, während seine Herren jeweilige Erkennungsfarben an Höhen- und Seitenrudern anbringen.

Bei den deutschen Fronttruppen löst das Erscheinen der roten Maschinen jedesmal stürmische Begeisterung aus. Sie alle wissen, wer in der roten Maschine sitzt. Es gab eine Zeit während der Arrasschlacht, da Richthofens Jäger sich der Front nur zu nähern brauchten, um die Engländer zurück zu ihren eigenen Linien kehrt machen zu sehen.

„Zur Zeit bin ich bemüht, der Jagdstaffel Boeicke Konkurrenz zu machen", schreibt Richthofen im Februar 1917. „Aber es sind verteufelte Kerls da drüben. Zu schlagen sind sie nie. Höchstens, daß man der Staffel gleichkommt. Es hängt ja viel davon ab, welchem Gegner man gegenüberliegt, ob man die laurigen Franzosen oder die schneidigen Kerls, die Engländer, gegenüber hat. Mir ist der Engländer lieber. Der Franzose kneift, der Engländer selten. Oft kann man sogar hier von Dummheit sprechen; sie bezeichnen dies dann wohl als Draufgängertum."

„Es ist das schöne beim Jagdflieger, daß es auf keinerlei Kunststücke bei ihm ankommt, sondern lediglich persönlicher Schneid das Ausschlaggebende bleibt. Es kann einer ein ganz herrlicher Sturz- und Loopingflieger sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht nach macht das Draufgehen alles.

Dem Franzosen liegt es, aus dem Hinterhalt zu überfallen und einem ändern aufzulauern. Das läßt sich in der Luft schlecht machen. Überrumpeln läßt sich nur ein Anfänger. Auflauem geht nicht, da man ja nicht sich verstecken kann, auch ist das unsichtbare Flugzeug noch nicht erfunden. Ab und zu braust wohl mal das gallische Blut in ihm auf. Dann setzt er zum Angriff an; aber es ist wohl mit einer Brauselimonade zu vergleichen. Für einen Augenblick furchtbar viel Mut, der ebenso schnell schwindet. Das zähe Durchhalten fehlt ihm. Dem Engländer dagegen merkt man eben doch ab und zu noch etwas von seinem Germanenblut an. Auch liegt dem Sportsmann das Fliegen sehr, aber sie verlieren sich zu sehr in dem Sportlichen."

SELBER ABGESCHOSSEN

Mitte März 1917 wird Richthofen selber abgeschossen, es gelingt ihm aber, sicher zu landen. „Wir waren fünf, der Gegner war dreimal so stark. Wie ein großer Mückenschwarm flogen die Engländer durcheinander. So einen Schwärm, der so gut zusammenfliegt, zum Zersprengen zu bringen, ist nicht leicht, für den einzelnen ausgeschlossen, für mehrere äußerst schwierig, besonders, wenn die Zahlenunterschiede so ungünstig sind wie in diesem Falle. Aber man fühlt sich dem Gegner derartig überlegen, daß man keinen Augenblick an dem sicheren Erfolg zweifelt. Der Angriffsgeist, also die Offensive, ist die Hauptsache, wie überall, so auch in der Luft. Aber der Gegner dachte ebenso. Das sollte ich gleich merken. Kaum sah er uns, so machte er umgehend kehrt und griff uns an. Da hieß es für uns fünf Männeken: Aufgepaßt! Hängt einer ab, so kann es ihm dreckig gehen. Wir schlössen uns ebenfalls zusammen und ließen die Herren etwas nähertreten. Ich paßte auf, ob nicht einer von den Brüdern sich etwas von den anderen absentierte. Da - einer ist so dumm. Ich kann ihn erreichen. „Du bist ein verlorenes Kind." Auf ihn mit Gebrüll. Jetzt hab" ich ihn erreicht oder muß ihn gleich erreichen. Er fängt bereits an zu schießen, ist also etwas nervös. Ich dachte mir: „Schieß du nur, du triffst ja doch nicht!" Er schoß mit einer Leuchtspurmunition, die an mir sichtbar vorbeiflog. Ich kam mir vor wie in dem Spritzenkegel einer Gießkanne. Nicht angenehm, aber die Engländer schießen fast durchweg mit diesem gemeinen Zeug, also muß man sich daran gewöhnen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, denn in diesem Augenblick, glaube ich, habe ich gelacht. Bald sollte ich aber eines Besseren belehrt werden.

Jetzt bin ich beinahe ganz heran, etwa 100 Meter, das Gewehr ist entsichert, ich ziele noch einmal Probe, gebe einige Probeschüsse, die Gewehre sind in Ordnung. Nicht lange mehr kann es dauern. Im Geiste sah ich den Gegner schon plumpsen. Die Aufregung von vorhin ist

vorüber. Man denkt ganz ruhig und sachlich, wägt die Treffwahrscheinlichkeiten von ihm und von mir ab. Überhaupt ist der Kampf selbst am wenigsten aufregend in den meisten Fällen, und wer sich dabei aufregt, macht einen Fehler. Er wird nie einen abschießen. Auch ist es wohl Gewohnheitssache. Jedenfalls habe ich in diesem Falle keinen Fehler gemacht. Nun bin ich auf 50 Meter heran, jetzt einige gute Schüsse, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben. So dachte ich mir. Aber mit einem Male gibt es einen großen Knall. Ich habe kaum zehn Schuß heraus, gleich darauf klatscht es wieder in meine Maschine. Es ist mir klar, ich bin getroffen. Wenigstens meine Maschine, ich für meine Person nicht. Im selben Augenblick stinkt es ganz ungeheuerlich nach Benzin, auch läßt der Motor nach. Der Engländer merkt es, denn er schießt nun um so mehr. Ich muß sofort ablassen. Senkrecht geht es runter. Es war auch höchste Zeit. Wenn der Benzintank durchlöchert ist und das Zeug einem so um die Beine spritzt, ist die Gefahr des Verbrennens doch groß. Vor sich hat man einen über 150 „Pferde" starken Explosionsmotor, also glühend heiß. Ein Tropfen Benzin, und die ganze Maschine brennt. Ich hinterlasse in der Luft einen weißen Streifen. Ich kenne ihn beim Gegner genau. Es sind dies die Vorzeichen der Explosion. Noch bin ich 3000 Meter hoch, habe also noch ein ganzes Ende bis auf die Erde. Gott sei Dank hört der Motor auf zu laufen. Die Geschwindigkeit, die das Flugzeug erreicht, kann ich nicht berechnen. Sie ist jedenfalls so groß, daß ich nicht den Kopf herausstecken kann, ohne durch den Windzug hintenüber gedrückt zu werden.

Bald bin ich den Gegner los und habe nun noch Zeit, bis ich auf die Erde komme, zu sehen, was denn meine vier anderen Herren machen. Sie sind noch im Kampf. Man hört das Maschingewehrfeuer des Gegners und das der eignen. Plötzlich eine Rakete. Ist es das Leuchtsignal eines Gegners? Aber nein. Dafür ist es zu groß. Es wird immer größer. Es brennt einer. Aber was für einer? Die Maschine sieht genau so aus wie unsere. Gott sei Dank, es ist ein Gegner. Wer mag ihn abgeschossen haben? Gleich darauf fällt aus dem Geschwader ein zweites Flugzeug heraus, ähnlich wie ich, senkrecht nach unten, überschlägt sich sogar, überschlägt sich immer noch -da - jetzt hat es sich gefangen. Fliegt geradeaus genau auf mich zu. Auch ein Albatros. Gewiß ist es ihm so gegangen wie mir.

Ich bin wohl noch einige hundert Meter hoch und muß mich so sachte umgucken, wo ich denn landen will. Denn so eine Landung ist meistenteils mit Bruch verbunden. Und so ein Bruch läuft nicht immer günstig ab, also - aufpassen. Ich finde eine Wiese, nicht sehr groß, aber sie genügt gerade, wenn man etwas vorsichtig zu Werke geht. Ich habe nun Zeit, mir den Schaden zu beschauen. Einige Treffer sind darin, aber der Treffer, der mich veranlaßt hat, den Kampf abzubrechen, ist einer durch beide Benzintanks. Ich habe keinen Tropfen Benzin mehr drin, der Motor ist gleichfalls angeschossen. Schade um ihn, er lief noch so gut."

Sein Bruder Lothar ist inzwischen ebenfalls bei der Fliegertruppe gelandet. Richthofen ist sehr um den Anfänger besorgt. Als er seinen Bruder zum ersten Mal gegen den Feind führt, bittet er ihn, dicht hinter ihm zu fliegen, um sich die Sache mal genau anzusehen. „Nach dem dritten Flug mit ihm sehe ich mit einem Male, wie er sich von mir trennt und und sich gleichfalls auf einen Engländer stürzt und ihn erlegt. Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich dies sah. Vier Wochen später hatte mein Bruder bereits 20 Engländer abgeschossen. Dies dürfte wohl einzig dastehen in der ganzen Fliegerei, daß ein Flugzeugführer 14 Tage nach seinem dritten Examen den ersten und vier Wochen nach dem ersten 20 Gegner abgeschossen hat. .

Wenn ich einen Engländer abgeschossen habe, so ist meine Jagdpassion für die nächste Viertelstunde beruhigt. Erst sehr viel später habe ich mich dazu überwunden und mich zum Schießer ausgebildet. Bei meinem Bruder war es anders. Als er seinen vierten und fünften Gegner abschoß, hatte ich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Wir griffen ein Geschwader an. Ich war der erste. Mein Gegner war bald erledigt. Ich gucke mich um und sehe, wie mein Bruder hinter einem Engländer sitzt, aus dem gerade die Flamme herausschlägt und dessen Maschine explodiert. Neben diesem Engländer fliegt ein zweiter. Er macht weiter nichts, als daß er von dem ersten, der noch gar nicht mal runtergefallen war, sein Maschinengewehr auf den nächsten richtete und sofort weiterschoß, kaum daß er absetzte. Auch dieser fiel nach kürzerem Kampf."

Manfred versäumt auch nicht, die Taten Lothars als junger Kavallerist zu würdigen, weil dieser „nie von sich selbst spricht". Im Winter 1914 war Lothar durch die Warthe geschwommen, um festzustellen, wo die Russen lagen, und zurück bei etlichen Grad minus. Seine Kleider waren nach wenigen Minuten festgefroren. So reitet er den ganzen Tag, bis er abends in sein Quartier kam. Dabei hat er sich nicht erkältet.

Anläßlich eines Besuchs des in der Nähe von Lilie als Major und Ortskommandant stationierten Vaters der Brüder Richthofen vollbringen die beiden ein Bravourstück, wie es selbst in Richthofens Jagdstaffel nicht alltäglich ist.

„Es ist schön, wenn man mit seinem Bruder so zusammen fliegen kann", schreibt Manfred. Er hatte gerade Lothar von seiner Maschine aus zugewinkt, um ihm zu dessen zweitem Opfer an diesem Tage zu gratulieren. Die anderen hatten sich das Schauspiel, das ihnen die beiden Brüder boten, angeguckt, „denn helfen kann man ja nicht, einer kann nur

abschießen, und ist einer mit dem Gegner beschäftigt, so können die anderen nur zusehen, ihm den Rücken decken, damit er nicht von hinten von einem Dritten belapst wird."

„Wir fliegen weiter, gehen auf größere Höhe, denn oben haben sich einige aus dem Klub der Anti-Richthofen zusammengefunden. Wir waren mal wieder gut zu erkennen, die Sonne vom Westen her beleuchtete die Apparate und ließ sie in ihrer schönen roten Farbe weithin schillern. Wir schlössen uns eng zusammen, denn jeder wußte, daß man es mit Brüdern zu tun hat, die dasselbe Metier verfolgen wie wir selbst. Leider sind sie wieder höher, so daß wir auf ihren Angriff warten müssen. Die berühmten Dreidecker und Spads, ganz neue Maschinen, aber es kommt eben nicht auf die Kiste an, sondern auf den, der drinnen sitzt; die Brüder waren laurig und hatten keinen Mumm. Wir boten ihnen den Kampf an, aber sie wollten ihn nicht annehmen. Wozu prahlen sie erst mit ihrem Geschwader, das angesetzt ist, um mich abzuschießen, wenn ihnen nachher doch das Herz in die Hosen Fällt?

Endlich hat einer Mut gefaßt und stößt auf unseren letzten herunter. Natürlich wird der Kampf angenommen, obwohl er ja für uns ungünstig ist, denn der, der drüber ist, ist im Vorteil. Aber wenn einem die Kundschaft nicht mehr gibt, muß man sie halt nehmen, wie sie kommt. Also macht alles kehrt. Der Engländer merkt es und läßt sofort ab. Nun ist aber der Anfang gemacht. Ein anderer Engländer versucht das gleiche. Er hat sich mich als Gegner ausgesucht, und ich begrüße ihn gleich mit einer Salve aus beiden Maschinengewehren. Dies schien er nicht zu schätzen. Er versuchte, sich durch einen Sturzflug mir zu entziehen. Das war sein Verderben. Denn dadurch kam er unter mich. Nun blieb ich über ihm. Was unter mir ist, womöglich noch allein und auf unserem Gebiet, kann wohl als verloren gelten, besonders, wenn es ein Einsitzer ist, also ein Jagdflieger, der nicht nach hinten schießen kann. Der Gegner hatte eine sehr gute Maschine und war sehr schnell. Aber es sollte ihm nicht glücken, seine Linien zu erreichen. plainÜber Lens fing ich an, auf ihn zuschießen. Ich war noch viel zu weit, es war ein Trick von mir, ich beunruhigte ihn dadurch. Er kroch auf den Leim und machte Kurven. Dies nützte ich aus und kam etwas näher heran. Schnell versuchte ich dasselbe Manöver nochmals und zum drittenmal. Jedesmal fiel mein Freund darauf rein. So hatte ich mich sachte an ihn herangeschossen. Nun bin ich ganz nahebei. Jetzt wird sauber gezielt, noch einen Augenblick gewartet, höchstens noch 50 Meter von ihm entfernt, drücke ich auf beide Maschinengewehrknöpfe. Erst ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des getroffenen Benzintanks, dann eine helle Flamme, und mein Lord verschwindet in der Tiefe.

Dieser war der Vierte an diesem Tage. Mein Bruder hatte zwei. Dazu hatten wir den alten Herrn scheinbar eingeladen. Die Freude war ganz ungeheuer. Sechs Engländer hatten die beiden Brüder also an einem Tage abgeschossen. Das ist zusammen eine ganze Fliegerabteilung. Ich glaube, wir waren den Engländern unsympathisch." *

Im Zweiten Weltkrieg schoß der unbesiegt verunglückte „Stern von Afrika", Hauptmann Hans Joachim Marseiile, einmal an einem einzigen Tage 17 Engländer ab!!!


„Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel. Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und gerade heute war es mal wieder sehr heftig.

Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit dem Ausruf: „Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!" Noch etwas verschlafen gucke ich zum Fenster "raus, und tatsächlich, da kreisen über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich raus aus meinem Bett, die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit am Start. Meine Monteure wußten, daß ich diesen günstigen Augenblick wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig. Schnell noch die Warmpelze, dann geht's los.

Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind viel näher. Da plötzlich fallt einem der frechen Kunden ein, auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Jagdflugzeug. Ich war ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat, der gewinnt.

Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn 'runtergedrückt, ohne ihn wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige Meter über dem Erdboden, plötzlich wieder geradeaus fliegt und mir zu entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er rannte mit voller Wucht in einen Häuserblock hinein. Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids. Er verteidigte sich bis zum letzten.

Meine Kameraden waren noch in der Luft und sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte."

Sein nächstes Opfer muß mit zerschossenem Motor landen. Richthofen fliegt in zehn Meter Höhe noch mal über den besiegten Gegner hinweg. „Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und zerschießt mir die ganze Maschine. Voß (einer von Richthofens Piloten) sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben."

EIN NEUER GEGNER TRITT AUF DEN PLAN

Im April 1917 tritt Amerika in den Krieg ein. Mit verdoppelter Energie setzt Richthofen sich mit seinen Männern dafür ein, eine Entscheidung herbeizuführen, bevor das volle Gewicht des neuen mächtigen Gegners sich an der Front bemerkbar macht. Oft genügt das bloße Erscheinen seiner roten Maschinen am Himmel, um beim Gegner Verwirrung anzurichten. Ludendorff soll von ihm gesagt haben, daß der Name Richthofen im Kampf an der Westfront das Gewicht von zwei Infanteriedivisionen ausmachte.

Richthofen macht den ersten Monat der amerikanischen Kriegsbeteiligung zum „blutigen April". Die deutsche Jagdwaffe erreicht mit dem Richthofenschen Elan den Gipfel ihrer Macht. Die im Jahre 1916 so eindeutige Luftüberlegenheit der Alliierten geht an die Deutschen verloren. Vom 31. März bis zum 11. Mai zählen die Deutschen bei 30 Eigenverlusten 120 abgeschossene Engländer. Nach englischen Angaben waren es sogar 151, ein Verhältnis von 5: l! In den sieben Tagen vom 27. April bis zum 3. Mai 1917 schießen Richthofen und seine Piloten 26 Maschinen der RAF ab, Richthofens Jasta II davon 23. In einer sehr positiven amerikanischen Fernseh-Biographie wird für diesen Zeitraum ein Abschußverhältnis von 7:1 zugunsten Richthofens Jägern berichtet!

Von all diesen großen, das Schlachtenglück auf dem Boden in hohem Maße bestimmenden Erfolgen in der Luft findet sich in Richthofens Memoiren kein Wort! Er erzählt weiter in seiner sportlich-soldatischen Art, als handele es sich nicht um einen Kampf auf Leben und Tod, sondern um einen fröhlichen Wettbewerb. Doch der Schein trügt. Es bleibt ausländischen Berichten vorbehalten, neben den überragenden Leistungen des „Roten Barons" den Ernst und die Entschlossenheit seines Wesens zu unterstreichen. Gibbons erwähnt, wie kritisch und mit Nachdruck Richthofen Schwachpunkte in Konstruktion und Bewaffnung der deutschen Flugzeugtypen verfolgte, wie er ebenfalls ständig bemüht war, dem materiell überlegenen Gegner mit neuen Kampfmethoden zu begegnen. Wenn seine Männer in der Messe fröhlich feiern, zieht Richthofen sich, je schwerer der Kampf wird, mehr und mehr in seine Kabine zurück. Er besaß die Fähigkeit, sich selbst nach nervenaufreibenden Luftduellen auf Studien zu konzentrieren. Neben den sich ständig steigernden militärischen Problemen waren seine Lieblingsfächer Geographie und Astronomie.

Einleitend zum „blutigen April" bekunden die Briten allerdings ihren nie erlahmenden Offensivgeist in einer neuen Form. Die Sqadron Nr. 100 erhältfür die Nacht vom 5. auf den 6. April den Befehl, in einem unter größter Geheimhaltung vorbereiteten nächtlichen Überraschungsangriff Richthofens Flugplatz bei Douai zu bombardieren.

Die 18 an diesem Angriff beteiligten Flugzeuge werden zu diesem Zweck mit einer schmutziggrauen Tarnfarbe angestrichen. Man will einige Scharten mit dem „jolly old Baron" auswetzen. Die mondhelle Nacht erleichtert den Engländern das Finden des deutschen Flugplatzes, dessen Markierung durch ein hinter den deutschen Linien brennendes großes Feuer in Lens noch erleichtert wird.

In der Messe ist Richthofen gerade dabei, seinen Piloten den „blinden Punkt" der neuen gegnerischen Sops zu erklären, als das Telefon schrillt. „Die Engländer kommen!"

„Natürlich großes Hallo. Unterstände hatten wir ja. Also alles stürzt in die Unterstände. Die Flaks und Scheinwerfer scheinen auch eben die Meldung bekommen zu haben. Uns machte es einen Heidenspaß. Wir befürchteten nur immer, die Engländer würden unseren Platz nicht finden. Der Engländer flog scheinbar sehr hoch. Erst einmal um den ganzen Platz herum. Wir glaubten schon, er hätte sich ein anderes Ziel ausgesucht. Mit einem Male aber stellt er den Motor ab und kommt herunter. Jetzt kommt er in den Scheinwerfer hinein. Er kommt immer niedriger, kann höchstens noch 100 Meter hoch sein. Da stellt er wieder den Motor an und kommt genau auf uns zugeflogen. Es dauerte nicht lange, da kommt die erste und dann regnet es einige Bömbchen. Es war ein wunderbares Feuerwerk, das uns der Bruder vormachte.

In der nächsten Nacht wiederholt sich das Schauspiel. Wir sitzen wieder im Kasino. Gesprächsstoff sind natürlich die Nachtflieger. Da kommt ein Bursche hereingestürzt und schreit nur: „Sie kommen, sie kommen!" Jeder von uns stürzt an die Maschinengewehre, bereit, die Herren zu empfangen.

Der erste kam, genau wie am Abend vorher, in größerer Höhe, geht dann auf 50 Meter herunter, und zu unserer größten Freude hat er es diesmal auf unsere Barackenseite abgesehen. Er ist im Scheinwerfer. Jetzt ist er höchstens noch 300 Meter von uns entfernt. Der erste fängt an zu schießen, und zur selben Zeit setzen alle übrigen ein. Ein Sturmangriff könnte nicht besser abgewehrt werden als dieser Angriff des einzelnen frechen Kunden in 50 Meter Höhe. Hören konnte er das

Maschinengewehrfeuer ja nicht, aber das Mündungsfeuer eines jeden sah er, und deshalb finde ich es auch

diesmal sehr schneidig von dem Bruder, daß er nicht abbog, sondern starr seinen Auftrag durchführte.

In dem Augenblick, wie er über uns weg war, springen wir natürlich in den Unterstand, denn durch so 'ne dumme Bombe erschlagen zu werden, wäre für einen Jagdflieger ein selten dämlicher Heldentod. Kaum ist er über uns weg, wieder ran an die Gewehre und feste hinter ihm hergefeuert.

Wir hatten wenigstens erreicht, daß der Gegner seine Bomben ziemlich planlos in die Gegend warf. Eine allerdings platzte ein paar Meter neben dem „petit rouge" (Richthofens Vogel), tat ihm aber nicht weh." Dieser Spaß wiederholte sich in der Nacht noch mehrere Male, so daß Manfred, wie Lothar erzählt, anfing, über die Engländer zu schimpfen, „diese nächtlichen Ruhestörer, die friedliebende Menschen mitten in der Nacht aus dem Bett trommelten".

„Am nächsten Morgen", hier Manfred wieder, „waren wir sehr erstaunt und hocherfreut, als wir feststellten, daß wir nicht weniger als drei Engländer von der Erde aus abgeschossen hatten. Wir waren jedenfalls sehr zufrieden mit unserem Erfolg. Die Engländer dafür etwas weniger, denn sie zogen es vor, unseren Platz nicht mehr zu attackieren."

FLUG IN DIE HEIMAT

Nach seinem 50. Luftsieg muß Richthofen auf Befehl der Obersten Heeresleitung einen Heimaturlaub antreten, schießt aber vorher noch schnell zwei weitere Gegner ab. Er wird vom Kaiser, dann der Kaiserin empfangen. Der Kaiser gratuliert ihm zu seinen Erfolgen und gleichzeitig zu seinem 25. Geburtstag. In der „Großen Bude" hat er Gespräche mit dem Kommandierenden General der Luftstreitkräfte, anschließend mit Hindenburg und zuletzt mit Ludendorff. Herzlich begrüßt wird er ebenfalls von einigen alten Kameraden. „Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione", schreibt er. „Sie haben ja nur den halben Spaß vom Kriege." Eine für den Charakter Richthofens typische Äußerung. Die tägliche Todesbedrohung an der Front und die Schwere der Kämpfe finden bei ihm keine Erwähnung!

Der „Rote Kampfflieger", von Gibbons als der Typus des strahlenden, blonden germanischen Kriegshelden hingestellt, ist zum Idol der Nation geworden. Wo er auch hinkommt, wird er umjubelt und gefeiert. Im Gegenatz zu seinem jüngeren Bruder Lothar soll Manfred alles andere als ein Frauenheld gewesen sein. Die ihn mit Blumen überschüttenden und ihm bewundernde Blicke zuwerfenden Frauen und Mädchen machen ihn eher verlegen. Wortlos nimmt er die Huldigungen hin und ist froh, den ihn umringenden Massen zu entrinnen.

Auch die zahllosen ihn an der Front erreichenden Briefe weiblicher Bewunderer sind ihm eher peinlich als daß sie seine Eitelkeit erwecken könnten. Mit viel Humor erzählt er jedoch von einer jungen Dame, einem Klosterzögling, die zu ihrem Unglück sein Bild in ihrer Klosterzelle aufgehängt hatte. Die Äbtissin erteilt ihr einen strengen Verweis. „Was tat das kluge Kind? Sie tat etwas, was mir vielleicht schmeicheln könnte, wenn ich die ganze Sache nicht doch für allzu verdreht hielte. - Sie schrieb an eine Freundin, die schon Nonne war, und bat sie, ihr eine große Fotografie von sich zu schicken. Die Freundin tat das. Dann ging das arme Mädchen hin, schnitt aus der Fotografie das Gesicht aus und klebte mein Gesicht unter die Nonnenhaube. Als das nun wieder herauskam, nahm die Schülerin selbst eine Ähnlichkeit mit mir an. Sie flog nämlich."

Nach Gibbons soll unter den vielen weiblichen Verehrern Richthofens eine gewesen sein, die ihm nahe gestanden hatte, deren Namen er jedoch niemanden gegenüber erwähnte und über die er kein Gespräch erlaubte. Auf die Frageangesprochen, warum er nichtheiraten wollte, soll er geantwortet haben, daß er, solange der Krieg andauerte, an eine Heirat nicht denken könne, weil er jederzeit fallen oder zum Krüppel geschossen werden könnte.

DER KAMPF VERSCHÄRFT SICH

Seit dem „blutigen April" hatte sich die Lage inzwischen zuungunsten der Deutschen verändert. Der Vorteil überlegener Flugzeugmodelle war nicht mehr vorhanden. Die neuen Feindmaschinen waren Wunder an Geschwindigkeit und Wendigkeit. Von nun an kam es mehr denn je auf den Mann an, weil die Maschinen auf beiden Seiten gleichwertig waren.

Richthofens Anwesenheit an der Front wird dringend notwendig und zwingt ihn, vorzeitig seinen Heimaturlaub abzubrechen. Seine Jagdsstaffel II hatte während seiner Abwesenheit beträchtliche Verluste erlitten. Auf ihn wartet die Aufgabe verbesserter Organisation und das Einflößen eines gesteigerten Kampfgeistes seiner Männer.

Von Tag zu Tag wird der Kampf mit größerer Erbitterung geführt. Auf deutscher Seite, typisch für den deutschen Soldaten zu Lande, zur See oder in der Luft, im Gegensatz zu den von ihrer Greuelpropaganda aufgehetzten Gegnern, ohne Haß! Vier Tage nach seinem 57. Luftsieg wird Richthofen am 6. Juli 1917 selbst das Opfer einer englischen Kugel.

„Es waren wieder meine lieben Freunde, die großen Vickers. Das ist ein englischer Flugzeugtyp mit einem Gitterrumpf; der Beobachter sitzt vorn.

Nur langsam holen wir die schnellen Gegner ein. Wir hätten sie wahrscheinlich nie gekriegt, wenn wir nicht die größere Höhe gehabt hätten und auf sie zudrücken konnten. Ich hatte nach einer ganzen Weile den hintersten so nahe vor mir, daß ich mir schon die Art und Weise, ihn anzugreifen, überlegen konnte. Unter mir flog Wolff. Ich erkannte an dem Tacken des deutschen Maschinengewehrs, daß er sich bereits in einen Kampf eingelassen hatte. Da drehte mein Gegner ab und nahm den Kampf mit mir auf. Aber immerhin noch auf eine so große Entfernung, daß man eigentlich von einem wahren Luftkampf noch nicht sprechen konnte. Ich hatte noch nicht einmal entsichert, so viel Zeit war noch, bis ich mich in den Kampf mit dem Gegner einlassen konnte. Da sah ich bereits, wie der Beobachter, wohl aus lauter Aufregung, schon schoß. Ich ließ ihn ruhig schießen, denn auf eine Entfernung von 300 Meter und darüber hilft selbst dem besten Schützen seine Schießkunst nichts. Man trifft eben nicht! Nun hatte er ganz auf mich eingedreht, und ich hoffte, in der nächsten Kurve hinter ihm zu sitzen und ihm was auf den Pelz brennen zu können. Da, mit einem Male ein Schlag gegen meinen Kopf! Ich war getroffen! Für einen Augenblick war ich völlig gelähmt am ganzen Körper. Die Hände hingen mir runter, die Beine baumelten in die Karosserie. Das Übelste war: Durch den Schlag auf den Kopf war der Sehnervgestört, und ich war völlig erblindet. Die Maschine stürzte ab. Für den Augenblick durchzuckte es mir den Kopf: also so sieht es aus, wenn man abstürzt und sich kurz vor dem Tod befindet. Ich erwartete jeden Augenblick, daß die Flächen das Stürzen nicht aushalten und abbrechen würden.

Ich sitze allein in der Kiste. Die Besinnung hatte ich nicht für einen Augenblick verloren. Ich kriegte auch bald wieder die Gewalt über meine Arme und Beine, so daß ich die Steuer ergreifen konnte. Das Gas abstellen und Zündung herausnehmen machte ich mechanisch. Aber was halfs mir! Mit geschlossenen Augen kann man nicht fliegen! Ich hatte die Augen weit aufgerissen, die Brille weggeworfen, aber es war mir nicht einmal möglich, die Sonne zu sehen. Ich war vollständig erblindet. Die Sekunden wurden mir zu einer Ewigkeit. Ich merkte, daß ich noch immer fiel. Die Maschine hatte sich ab und zu gefangen, kam aber immer wieder ins Stürzen. Ich war wohl anfangs 4000 Meter hoch gewesen und konnte jetzt schon mindestens 2000 bis 3000 Meter gefallen sein. Meine ganze Energie zusammennehmend, sagte ich mir immer: „Ich muß sehen!"

Ob mir die Energie dabei geholfen hat, weiß ich nicht. Jedenfalls, mit einem Male konnte ich schwarze und weiße Flecke vor mir unterscheiden. Immer mehr und mehr bekam ich wieder mein Augenlicht. Ich guckte nach der Sonne, konnte sie frei ansehen, ohne auch nur den leisesten Schmerz zu empfinden oder das Gefühl zu haben, ich würde geblendet. Ich sah wie durch eine schwarze dicke Brille. Aber es genügte mir.

Mein erster Blick galt dem Höhenmesser. Er zeigte noch 800 Meter an. Wo ich mich befand, ahnte ich nicht. Ich fing die Maschine wieder, brachte sie in eine normale Lage und setzte meinen Gleitflug fort. Nichts wie Granatlöcher waren unter mir. Einen großen Waldkomplex erkannte ich und konnte an diesem feststellen, ob ich drüben war oder bei uns. Zu meiner großen Freude sah ich, daß ich mich bereits ein ganzes Stückchen diesseits befand. Wäre der Engländer mir gefolgt, er hätte mich ohne Zucken abschießen können. Aber Gott sei Dank fand ich mich von meinen Kameraden beschützt, die sich mein Fallen und Stürzen anfangs gar nicht erklären konnten.

Ich wollte eigentlich gleich landen, weil ich nicht wußte, wie weit ich es noch aushalten könnte, bevor ich ohnmächtig würde. Deshalb ging ich bis auf 50 Meter herunter, fand aber in den vielen Granattrichtem kein Fleckchen, auf dem die Möglichkeit einer Landung war. Deshalb gab ich noch einmal Gas und flog Richtung Osten, in niedriger Höhe, solange ich noch das Bewußtsein hatte. Es ging anfangs ganz gut. Nach einigen Sekunden aber merkte ich, wie die Kräfte nachließen und mir so sachte schwarz vor den Augen wurde. Nun war es höchste Zeit. Ich landete und konnte die Maschine sogar noch glatt hinsetzen, nahm dabei einige Pfähle und Telefonleitungen mit, was mir aber in diesem Augenblick ziemlich schnuppe war. Ich hatte sogar noch die Kraft, in meiner Maschine aufzustehen und wollte noch aussteigen. Dabei fiel ich heraus und hatte nun nicht mehr die Kraft, aufzustehen, sondern legte mich gleich hin.

Sofort waren einige Leute zur Stelle, die den ganzen Vorgang beobachtet hatten und die an meiner roten Maschine erkannten, daß ich es war. Die Mannschaften wickelten meinen Kopf mit ihren Verbandpäckchen ein. Was nun geschah, war mir bloß noch in dunkler Erinnerung. Das Bewußtsein hatte ich nicht ganz verloren, aber ich befand mich in einem etwas dösig-benommenem Zustande.

Im Feldlazarett von Courtrai waren bereits die Ärzte vorbereitet und begannen nun ihre Arbeit. Ich hatte ein ganz anständiges Loch im Kopf, eine Wunde von etwa 10 cm Länge, die man nachher zwar zusammenziehen konnte; an einer Stelle aber blieb der blanke weiße Knochen wie ein Taler groß frei liegen. Meinen Richthofenschen Dickkopf hatte ich wieder mal bewiesen."

Zur selben Zeit ist sein Bruder Lothar ebenfalls durch Verwundung außer

Gefecht gesetzt. „Er darf unter keinen Umständen eher an die Front, als bis er körperlich bei vollen Kräften ist", schreibt Manfred nach Hause. „Sonst macht er hier sofort schlapp und wird abgeschossen. Das merke ich am besten an mir selber." Eine sportliche Rivalität zwischen den beiden Brüdern ist aus Manfreds Worten zu entnehmen: „Ich bin neugierig, wer eher in die Kiste steigen kann, mein Bruder oder ich. Mein Bruder befürchtet, ich bin es, und ich befürchte, mein Bruder wird es sein."

TROTZ KOPFVERWUNDUNG WEITER AM FEIND

Von den ersten Kämpfen nach seiner Verwundung schreibt Richthofen: „Ich habe erst zwei Feindflüge gemacht, beide waren sie zwar mit Erfolg, aber ich war nach jedem Flug vollständig erschöpft. Bei meinem ersten ist mir beinahe schlecht geworden. Meine Wunde heilt furchtbar langsam; sie ist immer noch so groß wie ein Fünfmarkstück. Gestern haben sie mir noch ein Stück Knochen herausgeholt; ich glaube es wird das letzte sein."

Auch sein Schlaf ist nicht mehr so gesund und erholsam wie früher. Mehr und mehr zieht er sich von dem noch immer fröhlichen Treiben der Kameraden zurück und lebt nur noch seiner Pflicht. Richthofen lebte nur noch, um zu kämpfen, schreibt Ernst Udet in seiner Biographie „Mein Fliegerleben".

Angesichts der enormen materiellen Überlegenheit der Gegner fürchtet Richthofen um Deutschlands Aussichten, den Krieg noch gewinnen zu können. Wie er in einem Brief an seine Mutter andeutet, ist ihm bewußt, daß auch seine Stunde in den immer größere Verluste fordernden Kämpfen einmal schlagen wird.

Die veränderte Kriegslage spiegelt sich in seinen so ganz ungewöhnlich ernsten „Gedanken im Unterstand" wieder: „Ich habe, wenn ich so liege, an vieles zu denken. Jetzt ist der Kampf, der sich an allen Fronten abspielt, ganz verteufelt ernst geworden, es ist nichts mehr übrig geblieben von diesem „frischen, fröhlichen Krieg", wie man unsere Tätigkeit anfangs genannt hat. Jetzt müssen wir uns überall auf das verzweifeiste wehren, damit die Feinde nicht in unser Land einbrechen. Ich habe nun so den dunklen Eindruck, als ob aus dem „Roten Kampfflieger" den Leuten ein ganz anderer Richthofen entgegenleuchtet als mir selbst zumute ist. Wenn ich in dem Buch lese, grinse ich mich selbst schnoddrig an. Jetzt ist mir garnicht mehr schnoddrig zumute. Nicht etwa deshalb, weil ich mir vorstelle, wie das ist, wenn sich mir eines Tages der Tod in den Nacken setzt, deshalb sicher nicht, obgleich ich oft genug daran erinnert werde, daß das einmal so kommen kann. Von höchster Stelle hat man mir sagen lassen, ich solle es jetzt aufgeben, selber zu fliegen, denn einmal würde es mich doch erwischen. Ich würde mir aber sehr elend vorkommen, wenn ich jetzt, behaftet mit Ruhm und Orden, als Pensionär meiner Würde dahinleben würde, um mein kostbares Leben der Nation zu erhalten, während jeder arme Kerl im Schützengraben, der seine Pflicht genau so tut wie ich, ausharrt."

An die im vordersten Graben ausharrenden „Frontschweine" denkt Richthofen auch, wenn er schreibt: „Wäre ich nicht Jagdflieger geworden, ich glaube, ich hätte mir das Infanteriefliegen ausgesucht. Es ist einem doch eine große Befriedigung, wenn man unserer am schwersten kämpfenden Truppe direkte Hilfe leisten kann."

Als Antwort auf die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner beginnt man auf deutscher Seite mit der Organisation von Jagdgeschwadern, jedes aus vier Staffeln bestehend. Von den Alliierten werden die neuen Verbände „Fliegende Zirkusse" genannt, weil sie je nach Frontlage in immerneue Abschnitte verlegt werden. Richthofen wird der Kommandeur des nach ihm benannten Geschwaders, fliegt aber nach wie vor selber mit seiner alten Jasta 11 mit.

Neue Flugzeugtypen sind inzwischen an der Front angelangt. Die deutschen Maschinen, vorwiegend „Albatros" und „Halberstadt", mit Geschwindigkeiten bis zu 240 km gelten noch immer als erstklassige Jäger. Aber es fehlt auf deutscher Seite zunehmend an notwendigem Material und Ersatzteilen. Der Luftkrieg entwickelt sich bei steigenden deutschen Verlusten somit immer mehr zugunsten der Alliierten, denen die ganze Welt für ihre Kriegsmaschinerie zur Verfügung steht. Richthofen antwortet mit neuen Taktiken des Luftkrieges im Verband. Er kämpft mit noch größerer Verbissenheit und ohne Schonung gegen sich selbst. Gibbons bringt ein Beispiel dieses verzweifelten Draufgängertums, als Richthofen, um die Vernichtung einer Feindmaschine sicherzustellen, diese bis auf Rammnähe anfliegt. Fünf- bis siebenmal am Tage steigen die deutschen Jäger jetzt auf, um gegen den Feind zu fliegen. Um diese Belastung durchhalten zu können, war in Lothars Worten Grundbedingung: „Essen, schlafen und keinen Tropfen Alkohol!"

Die folgenden Gedanken aus seiner eigenen Feder über die Führung der Jäger stammen aus dem Kapitel „Es geht nur um den Kampf": „Der Kommandeur eines Jagdgeschwaders muß unmittelbar bei seiner Truppe liegen. Es kann nicht angehen, daß er irgendwo im Hinterlande herumwohnt, mit seinen Fliegern telefonisch verkehrt, seine Befehle theoretisch vom grünen Tisch in der Etappe erteilt -, so kann das nicht gehen. Der Kommandeur des Jagdgeschwaders muß über seine einzelnen Jagdstaffelführer, deren Unterführer, sogar über jeden einzelnen Jagdflieger seines Geschwaders durch höchsteigene Beobachtungen im Kampfe von den Fähigkeiten der Betreffenden überzeugt sein. Ein

verwendbarer Kampfflieger ist nur der, der den Feind angreift, wo er ihn sieht, der jederzeit bereit und auch fähig ist, sich in einen Kampf einzulassen, und der nicht danach fragt, ob er nicht selbst mit zerschmetterten Gliedern am Ende dieses Kampfes auf dem Boden liegen wird.

Der Kommandeur des Jagdgeschwaders muß die Spreu vom Weizen zu sondern verstehen. Das kann er nur, wenn er mit den Leuten, die er kommandiert, dauernd zusammen ist. Aber nicht nur das. Der Kommandeur der Jagdstaffeln muß selbst ein Jagdflieger, und zwar ein guter, mit anderen Worten ein erfolgreicher sein. Er muß selbst mit aufsteigen. Warum? Weil er beobachten muß, wie seine Herren kämpfen. Das ist das Allerwichtigste. Diejenigen Geschwader an der Front, die etwas leisten, bestehen aus Kameraden, die sich genau kennen, die im Kampf aufeinander eingespielt sind und die alle genau wissen, daß keiner den ändern im Stich läßt, wenn die Sache mulmig wird.

Kameradschaft ist tatsächlich in einer Jagdstaffel der Hauptwitz. Ich dulde keinen Stänker, wenn er auch vielleicht sonst am Feinde ein ganz brauchbarer Mann sein kann. Es kommt bei uns auf nichts anderes an als auf den Abschuß. Schon der gute, ganz uralte Herr Clausewitz hat gesagt, daß im Kriege nichts anderes Sinn hat als die Vernichtung des Gegners."

Gibbons bescheinigt Richthofen neben seiner Tapferkeit und Ritterlichkeit diejenigen Führereigenschaften, die den großen Kommandeur ausmachen. Er schildert Richthofen nicht nur als hervorragenden Flieger und Einzelkämpfer, sondern auch als vorbildlichen Vorgesetzten und Führer im Kampf. „Er war ein beliebter Vorgesetzter und gleichzeitig ein guter Kamerad, obwohl ihm jede Sucht nach Popularität fremd war. Es war sein Stolz, als Soldat ihm erteilte Befehle auszuführen, ob sie ihm paßten oder nicht, und er bestand darauf, daß seine Untergebenen im gleichen Sinne auch seine Befehle ausführten. Seine Untergebenen fanden stets Verständnis und Hilfe bei ihm in ihren dienstlichen wie persönlichen Anliegen. Als Ausbilder errang er schnell das Vertrauen seiner Schüler, er verlangte dafür Aufmerksamkeit, Begeisterung und Hingabe. Selbst bei dummen Fragen verlor er selten die Geduld. Er hatte sich stets vollkommen in der Gewalt. Seine Strenge bezog sich in erster Linie auf die Auswahl seiner Piloten. Er beurteilte seine Männer nach ihren Leistungen, nicht nach seinen persönlichen Sympathien oder Antipathien. Er verlangte von seinen Piloten kühle Urteilsfähigkeit im Kampf und Schonung der eigenen Kräfte, wo dies geboten schien. , Lieber einen Gegner weniger abschießen als selbst abgeschossen werden; denn in diesem Falle kann man seinem Vaterland nicht mehr von Nutzen sein."'

Lothar v. Richthofen gibt uns ein bezeichnendes Beispiel für seines Bruders Führungsstil: Als Manfred einmal mit zwei Anfängern losflog, die ihn in einem gefährlichen Moment allein ließen, gab es von ihm, am Flugplatz angekommen, kein Wort des Vorwurfs. Es waren Wolff und Almenröder, die sich beide später den Pour le merite verdienten, und sie sagten Lothar, Manfreds Schweigen hätte mehr gewirkt als die größte Standpauke!

DER 21. APRIL 1918

Am 24. April 1918 heißt es im Deutschen Heeresbericht:

Rittmeister Freiherr von Richthofen ist von der Verfolgung eines Gegners über dem Schlachtfelde an der Somme nicht zurückgekehrt. Nach englischem Bericht ist er gefallen.

Neben persönlichen Beileidsbezeigungen von Kaiser Wilhelm, seiner Gemahlin und Generalfeldmarschall v. Hindenburg richtet der Kommandierende General den folgenden Fernspruch an das Jagdgeschwader l:

„Die Hoffnung, die wir alle hegten, daß Richthofen uns erhalten bliebe, ist nicht erfüllt. Er ist gefallen. Stärker als unsere Worte sind seine Taten. Ihm war es vergönnt, als Führer anerkannt und verehrt zu leben, als Kamerad geliebt zu werden. Nicht auf das, was er noch hätte werden können, sollen wir unsere Blicke lenken, sondern aus dem, was er war, wollen wir lebendige Kraft herleiten, Kraft, sein Andenken in Taten ständig wachzuhalten. Herzlich gedenke ich seines Jagdgeschwaders und besonders seiner Jagdstaffel 11. Der Kommandierende General gez. v. Hoeppner."

Ein Angehöriger der Jagdstaffel 11 wird beordert, zu Richthofens Vater zu fliegen, um ihm persönlich die Nachricht vom Tode seines Sohnes zu

überbringen. „Möge der Geist meines Sohnes weiter mit Ihnen sein!" ist die stolze Antwort des alten Soldaten.

DER LETZTE KAMPF

Roy Brown, kanadischer Fliegerhauptmann, dessen Kugel Manfred v. Richthofen getötet haben soll, hat über seinen Luftkampf, in dem Richthofen fiel, folgendes erzählt: *

„Ein Schulfreund von mir, Leutnant W.R. May aus Melbourne, Australien, hatte einen Deutschen abgeschossen und, weil er noch ein Neuling war, drehte er, wie ich ihm geraten hatte, ab nach Hause. Da sah ich, wie ein

rotes Flugzeug sich auf ihn warf. Jeden Augenblick konnte sein Pilot das Feuer eröffnen. Der Rote machte sich daran, seine erste Salve anzubringen, als der Moment für mich gekommen war. May hatte es aufgegeben. Das Ende, dachte er. Da hörte er mein Maschinengewehr.

Richthofens Ende war genau wie das seiner meisten Opfer. Er war überrascht worden, er war tot, noch bevor er sich von seiner Überraschung hatte erholen können.

Wohl hatte ich das Gefühl, daß jener rote Kampfflieger Richthofen gewesen war, der deutsche Adler der Lüfte, doch kam mir der Gedanke, ihn besiegt zu haben, wie eine Unbescheidenheit vor. Wir fanden Richthofen in der Nähe eines fliegenden Lazaretts. Man hatte seine Kappe entfernt, blondes, seidenweiches Haar, wie das eines Kindes, fiel von der breiten, hohen Stirn. Sein Gesicht, besonders friedlich, hatte einen Ausdruck von Milde und Güte, von Vornehmheit.

Und plötzlich fühlte ich mich elend, unglücklich, als hätte ich ein Unrecht begangen. Kein Gefühl der Freude konnte aufkommen, daß dort Richthofen lag, der Größte von allen! Und in meinem Herzen verfluchte ich den Zwang, der zum Töten trieb, ich knirschte mit den Zähnen, ich verfluchte den Krieg! Ich ging weg, nicht als Sieger fühlte ich mich. Ein Würgen saß mir in der Kehle. Wäre es mein liebster Freund gewesen, ich hätte keinen größeren Schmerz empfinden können."

DEM TAPFEREN UND WÜRDIGEN GEGNER

Der Familie Richthofen ging über die Beisetzung Richthofens nach seinem Tode von englischer und amerikanischer Seite eine genaue Darstellung zu:

„Ein hohes, tiefes Zelt war ausgeräumt worden, und in der Mitte dieses Zeltes, auf einem erhöhten Podest, lag die Leiche Manfred v. Richthofens in der Uniform der l -Ulanen, die er getragen hatte, als ihn das schwarze Los aus seinem Leben riß.

Sechs englische Fliegeroffiziere, alles Geschwaderführer, die sich vor dem Feind ausgezeichnet hatten, traten ins Zelt und hoben den Sarg, in dem der Tote lag, auf ihre Schultern.

Dem Sarge folgten die 12 Mann der Trauerparade, sie hatten die Augen zu Boden gesenkt und trugen das Gewehr mit nach unten gerichtetem Lauf unter dem Arm. Und dann kamen englische Offiziere und Unteroffiziere, unter ihnen allein 50 Flieger, die in der Nähe lagen, und sie gingen alle schweigend und mit zu Boden gesenkten Blicken hinter dem Sarge her. Die Flieger waren alle herbeigeeilt, um dem tapferen und vornehmen Feinde die letzte Ehre zu erweisen.

Einer der Offiziere trug einen großen Kranz mit der Inschrift: „Dem Rittmeister von Richthofen, dem tapferen und würdigen Feinde", vom Hauptquartier der britischen Luftstreitkräfte geschickt.

Auf den Sarg wurde ein Metallschild genagelt, das in deutscher und englischer Sprache die Inschrift trug: „Hier ruht Rittmeister Manfred Freiherr von Richthofen, auf dem Felde der Ehre mit 25 Jahren im Luftkampf am 21. April 1918 gefallen."

Flugzeuge kreisten über dem Grab, als der Sarg langsam hinabsank. Eine Weißdornhecke, die immer vom Winde gepeitscht wird, wirft ihren Schatten auf die Stätte, an der Manfred von Richthofen zum letzten Schlaf gebettet wurde."

IN DIE HEIMAT

Die folgende, gekürzte Darstellung der Überführung Manfred v. Richthofens in sein Heimatland stammt aus der Feder seines jüngsten Bruders Bolko. Die grenzenlose Verehrung, die dem toten Helden wie all unseren Gefallenen vom ganzen deutschen Volke begegnete, bezeugt, daß Deutschland sich damals noch zu den Kulturnationen der Welt zählen durfte. Heute ist das anders, da bezahlte Schmutzfinken ungestraft Kübel von Haß und Verleumdung auf ihre Vätergeneration, nach Aussagen des israelischen Generalstabes den besten Soldaten der Welt, ausschütten dürfen, wobei sie geflissentlich übersehen, daß sie ohne deren Heldenmut im Abwehrkampf gegen den Bolschewismus dieses Erdenrund überhaupt nicht betreten hätten!

„Mitte des Jahres 1925 entschloß sich unsere Familie, die sterblichen Reste von Manfred v. Richthofen nach Deutschland zu überführen. Zunächst war beabsichtigt, Manfreds Sarg neben dem Grabe seines Vaters und seines Bruders Lothar auf dem Schweidnitzer Friedhof zu betten. Aber maßgebende Behörden des Deutschen Reiches und die fliegerischen Organisationen sprachen den dringenden Wunsch aus, Manfreds Leiche möge auf dem Invalidenfriedhof zu Berlin, auf dem schon so viele deutsche Helden und Feldherrn ihre ewige Ruhe gefunden haben, die letzte Statt bereitet werden. Dem stimmte die Familie zu in der Erkenntnis, daß das Andenken und die Erinnerung an Manfred nicht ihr allein, sondern dem ganzen deutschen Volke gehöre. *


Der deutsche Gefallenenfriedhof von Fricourt, nahe dem einst so heiß umkämpften Albert, machte einen erschütternden Eindruck. Etwa 6.000 deutsche Soldaten lagen dort in Einzelgräbern und etwa 12.000 in einem gewaltigen Massengrab. Kein grünendes Blatt, geschweige denn irgendein Kranz gab dieser traurigen und tief ergreifenden Stätte einen etwas freundlicheren Charakter. Nur auf dem Massengrab lag ein schlichter Blechkranz, den vielleicht ein altes Mütterchen dem Andenken ihres mit Tausenden von Kameraden dort ruhenden, für das Vaterland gefallenen Sohnes gewidmet hatte.

Als der kleine Zug mit Manfreds Leiche nach Überquerung der Kehler Rheinbrücke in den deutschen Bahnhof einlief, nahmen die amtierenden Eisenbahner ergriffen ihre Mützen ab. Der französische Besatzungskommandant konnte sich nicht entschließen, die Genehmigung zu einer patriotischen Feier auf dem Bahnhof am Sarge Manfreds zu geben, aber in früher Abendstunde gab das Besatzungskommando die Genehmigung zu einer entsprechenden Feier. Alle Glocken der kleinen badischen Stadt begannen zu läuten, die Feuerwehr wurde alarmiert, was nur an Fackeln aufzutreiben war, wurde angezündet. So zog die Bevölkerung wohl vom ältesten Greis bis zum jüngsten Kinde herbei, um Manfreds Leiche auf deutscher Erde ehrfurchtsvoll zu grüßen.

Von nun an bis Berlin gestaltete sich Manfreds letzte Reise zu einer Triumphfahrt durch Deutschlands schönste Gaue, wie sie kaum jemals ihresgleichen finden dürfte. Überall läuteten die Glocken in den Städten und Dörfern und senkten sich die Fahnen, Flugzeuge geleiteten den Zug. Im offenen Gepäckwagen hielten Jagdflieger des alten Heeres die Totenwache. Und keinen Unterschied gab es zwischen den Parteien und Bünden, die da erschienen waren, um in seltener Eintracht den heimkehrenden toten Helden zu ehren. Die Kränze häuften sich zu Bergen, dazwischen kleine Sträußchen und einzelne Blumen, denn auch die, die nur wenige Pfennige auszugeben vermochten, haben es sich nicht nehmen lassen, ihrer Dankbarkeit und Verehrung für den großen Kampfflieger Ausdruck zu geben.

Wir fühlten, wie das Volk es verstanden hatte, daß seiner Heimfahrt ins Vaterland eine symbolische Bedeutung zukam. Und so mochten die zur Begrüßung unseres toten Manfred zusammengeströmten Volksmassen in ihm wohl das Sinnbild aufopfernden deutschen Heldentums erblicken und in ihm die Söhne und Brüder ehren, die sie selbst für das Vaterland dahingegeben hatten.

Am Mittwoch, dem 18. November, abends nach 10 Uhr, traf der Zug in Berlin ein. Auf dem Potsdamer Bahnhof fand ein feierlicher Empfang statt. Angehörige des l .Ulanenregimentes, in dem Manfred gedient hatte, trugen den Sarg zum Leichenauto, das ihn weiter nach der Gnadenkirche in die Invalidenstraße führte. Auf dem Potsdamer Platz war eine gewaltige Menschenmenge versammelt, die den Trauerzug schweigend und entblößten Hauptes passieren ließ. Am Donnerstag fand die Aufbahrung in der Gnadenkirche statt. Die Ehrenwache am Sarg hielten ehemalige Offiziere seines Jagdgeschwaders und des l.Ulanenregimentes. In ununterbrochener Reihenfolge zog den ganzen Tag Berlins Bevölkerung am Sarge vorüber.

Am Nachmittag des 20. November fand die Beisetzung statt. Schon zur Mittagszeit begann die Wanderung der Menschenmassen. Dann kam der Reichspräsident von Hindenburg, den meine Mutter und ich begrüßten. Die Feier in der Kirche war würdig und kurz. Dann hoben acht Flieger, Ritter des Ordens Pour le merite, den Sarg auf die vom 2-preußischen Artillerieregiment gestellte Lafette.

Der Reichswehrminister sprach die Worte: „Wenn wir Manfred von Richthofens sterbliche Überreste der Erde zurückgeben, legen wir zugleich das Gelöbnis ab, daß wir in Glauben und Hoffen unserem Vaterlande gehören, für das er gefallen ist."

Unter den unzähligen Teilnehmern dieser Trauerfeier wird es niemanden gegeben haben, der diesen Worten nicht aus Innerster Seele zugestimmt hätte. Wie sehr sein Andenken im Herzen des Volkes fortlebt, das zeigen die Tausende und aber Tausende von Volksgenossen, die jahraus, jahrein, auch heute noch in ungeminderter Zahl sein Grab besuchen und trauernd und nachdenklich, zugleich aber von vaterländischem Stolz erfüllt, sich im Geiste vor den Manen des ritterlichen deutschen Helden der Lüfte neigen."

Richthofens Testament, das man nach seinem Tod in seiner Schublade fand, bestand aus einem einzigen Satz:

„Sollte ich nicht zurückkommen, so soll Oblt.Reinhard (Jasta 6) die Führung des Geschwaders übernehmen. "

Und wäre die Welt gestorben

in Kälte, Reif und Schnee,

und wäre das Volk verdorben

in Jammer, Trug und Weh -

wir wollen ein Feuer zünden

und selber ein Feuer sein

und neuen Geschlechtern künden

von Leben und Sonnenschein.


Und wären sie alle erlegen,

die fest auch in Nächten geschaut,

und hätten Dunkel und Regen

die letzten Saaten zerkaut -

wir werden wie Knechte nicht wimmern,

verlassen von Glauben und Kraft,

wir werden getrost uns zimmern

eine Wiege aus eichenem Schaft.


Und werden Geschlechter zeugen,

verwurzelt tief im Land,

die nimmermehr sich beugen,

wenn sie ihr Schicksal fand.

Es wird nicht Müden und Zagen

das Glück vor die Füße gestellt.

Man muß es aus Steinen schlagen -

der Wille nur formt die Welt.

Lothar Stengel v. Rutkowsky



*)Lothar von Richthofen überlebte den Krieg. Aber auch er fand drei Jahre später, am 4. Juli 1922, den Fliegertod, als er eine amerikanische Schauspielerin und deren Manager in einem alten Kriegsflugzeug von Hamburg nach Berlin flog. Infolge Motorschadens war er zu einer Notlandung bei schlechter Sicht gezwungen, wobei seine Maschine sich in einer elektrischen Leitung verfing und überschlug.


*)Australische Bodentruppen behaupten, daß ihre Flugabwehr den Deutschen getroffen habe.




QUELLEN a) Schrifttum

Dwelle, Dan C., Which gun brought down the Red Baron?, Washington Post, , Washington, D.C., 11.2.1989

Ettighofer, P.C. Stürm 1918, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin 1938 Gibbons, Floyd, The Red Knight of Germany, Doubleday, New York 1927

Mason Jr., Herbert Molloy, The Rise of the Luftwaffe, The Dial Press, New York 1973

Richthofen, Manfred Frhr. v.. Der Rote Kampfflieger, Ullstein, Berlin 1933

Richthofens Testament, Deutscher Soldatenkalender 1958, Schild Verlag, München 1958

Udet, Ernst, Mein Fliegerleben, Ullstein, Berlin 1935 Uzulis, Andre", „Erschoß ein Infanterist den „Roten Baron"?, WamS 30.11.97, S. 6

b) Filme

The Blue Max, 20th Century Fox, Cinemascope, James Mason, George Peppard AE Biography, Worid War l Flier Manfred v. Richthofen, 21. Mai 1997

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