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Friedrich Nietzsche

“An die Folterknecht....

Stolz - Ach, ihr kennt alle das

Gefühl nicht, welches der

Gefolterte nach der Folterung

hat, wenn er in die Zelle zurück-

gebracht wird und sein Geheimnis

mit ihm! Er hält es immer noch

mit den Zähnen fest.

Was wißt ihr vom Jubel des

menschlichen Stolzes!”


Morgenröte


Nietzsche

aus heutiger Sicht Ausgewählt und kommentiert von Dr. Heinrich Piebrock

Wo immer nach dem Zweiten Weltkrieg amerikanische Comic-Hefte gelesen wurden, war „SUPERMAN", der von Nietzsche übernommene und karikierte ÜBERMENSCH, ein lebendiger Begriff für jung und alt geworden: Superman der Held, der moderne Robin Hood, der auf Flügeln über Häusermeere und Wolkenkratzer hinweg seinen bedrohten Schützlingen zu Hilfe eilt.

Frauen wiederum haben von Nietzsche ein anderes Bild. Erwähnt man bei ihnen seinen Namen, so zitieren sie fast wie aus der Pistole geschossen sein viel geschmähtes und mißdeutetes Wort: „Gehst du zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht!"

In den Augen von Priesterschaft, Liberalen und Moralisten dagegen ist Nietzsche der wilde, amoralische geistige Vorläufer fanatischer und maßloser Nazis.

Mein Inspektionschef auf der Fahnenjunkerschule Thorn, Ritterkreuzträger und untadeliger Offizier, aber nicht gerade von philosophischer Bildung, hatte noch eine vierte Version anzubieten: „Nietzsche? Den lehnen wir ab - er war ein Schwächling." Es war ihm anscheinend nicht bekannt, daß Nietzsche geschrieben hatte: „Mein Ausgangspunkt ist der preußische Soldat. "

Wer war Friedrich Nietzsche in Wirklichkeit? Was war der Inhalt seiner Lehre, und was hat er uns heutigen Menschen noch zu sagen?

Statt der Schilderung seines Lebenslaufs dürfte genügen, daß Nietzsche als Sohn eines evangelischen Pfarrers 1844 bei Leipzig geboren wurde, daß er Einjähriger-Soldat war, schon mit 25 Jahren eine Professur in der klassischen Philologie an der Universität Basel erhielt, ein Freund, später Gegner Richard Wagners war, daß er 1900 als Folge fortgeschrittener Paralyse starb und daß er selbst von seinen Gegnern als gottbegnadetes Genie angesehen wurde und wohl auch heute noch wird. Wer sich intensiver mit dem Werk Nietzsches befassen möchte, für den dürfte in jeder guten Bücherei ausreichend Material zu weiterem Studium zur Verfügung stehen. Allerdings ist zu warnen vor Auslegungen gewisser Zeitgeister, die keineswegs immer fair sein dürften.

Ich werde mich in erster Linie auf seine philosophische Dichtung Zara-thustra berufen sowie kurz auf seine Jünger oder Interpreten Peter Gast und Alfred Bäumler.

Nietzsche bezeichnet sich zwar als Antichristen - es ist sicherlich bekannt, daß er den provozierenden und schärfste Anklagen enthaltenden Antichrist schrieb -, aber man darf nichtsdestotrotz geneigt sein, ihn für einen tiefinnerlich religiösen Menschen zu halten. Ein Mensch von hohem sittlichen Ernst, ein unerbittlicher Sucher nach Wahrheit und Erkenntnis, nach Wahrheiten und Einsichten selbst, die einen empfindsamen Menschen seiner Art zutiefst erschüttern mußten. Sein Jugendgedicht Dem unbekannten Gotte gibt davon beredtes Zeugnis. Ebenso Zarathustras Grablied, in dem er mit wahrhaft ergreifenden Worten den Verlust seines Kindheitsglaubens beklagt. Aber er besiegt seine eigene Weichheit mit der für ihn charakteristischen Härte gegen sich selbst. Hierzu ein Zitat aus dem Zarathustra-Kapitel „ Von den Hinterwäldlern":

Vieles kranke Volk gab es immer unter denen, welche dichten und gottsüchtig sind; wütend hassen sie den Erkennenden und jene jüngste der Tugenden, welche heißt: Redlichkeit. "

Ob er in seiner rigorosen Wahrheitssuche dabei übers Ziel hinausschoß, zu extrem, zu unbedingt, zu weltfremd wurde, ist eine andere Frage. Obwohl Nietzsche über gewisse Deutsche, die er für das Fortbestehen der christlichen Moral hauptverantwortlich machte, bittere Worte ausgesprochen hat, so ist er in seiner titanischen Tendenz, seinem Heroismus und seiner Abneigung gegen alles Flache, gegen Prunk und Tand, trotz allem typisch deutsch. Wie sehr diese seine Haltung die junge Generation des ersten Weltkrieges angesprochen hat, finden wir in Walter Flex' Wanderer zwischen beiden Welten am Beispiel seines Helden Ernst Wurche, Leutnant und Theologiestudent, der in seinem Tornister u.a. mitführte: Das Neue Testament und - Nietzsches Zarathustra!

Zu diesem Zarathustra, wohl sein bekanntestes und vielleicht gedankentiefstes Werk, hat sein Schüler Peter Gast, der den Zarathustra als eine Bibel für Ausnahmemenschen bezeichnet, eine Einführung ge-

schrieben, die wohl am besten den Wesensgehalt des Zarathustra wiedergibt. Hier einige Zitate aus dieser Einführung - immer wörtlich.

Peter Gast:

Nietzsche sah im Demokratismus das deutlichste Zeichen des Verfalls, vor allem an großer Gesinnung, an hervorragenden, richtunggebenden

Menschen.

Was Nietzsche will, ist: Über allem Volke eine Menschenklasse voll Geistes- und Seelengewalt heranzüchten helfen, deren bloßes Vorhandensein imstande wäre, den schalen, hoffnungslosen Geist unserer Zeit zu einer Trivialität niedersten Ranges zu degradieren, eine dirigierende Menschenklasse, die den Sinn des Lebens nicht in der möglichsten Vervollkommnung des Komforts und ihr geistiges Ideal nicht im Gelehrten sucht, sondern in der höchsten Intensität ihrer Willens- und Geistesbetätigung - kurz eine heroische Menschenklasse, einen neuen Adel!

Bei Nietzsche waren Leben und Lehre eins... Seine Tendenz geht weniger darauf aus, die Welt so und so zu verstehen, als darauf, sie so und so zu gestalten.

Aus Zarathustra:

Nicht rede zum Volke, sondern zu Gefährten! Zu Gefährten, die dir folgen, weil sie sich selber folgen wollen!

Peter Gast:

Große Menschen könne, ja dürfe es nicht mehr geben (so J.W.Dra-per, durch seine amerikanische Brille), kurz: Das Reich der Schlaffund Lahmheit, der Flachheit und Unfruchtbarkeit, das Schlaraffenland der Frivolen und Viel-zu-vielen, das Reich der Impotenz soll kommen!

Aus Zarathustra:

Ich lehre den Menschen der reichsten Seele, des tiefsten Geistes, der höchsten Religiosität. Nur wer den großen Zusammenhang der Dinge sieht, kann religiös sein ...

Hier zeigt sich das Nietzsche eigene, nicht-christliche Religionsempfinden. An anderer Stelle sagt er:

Es ist eine Schmach zu beten, nicht für alle, aber für dich und mich, und wer auch sein Gewissen im Kopf hat!"

Wieder Peter Gast:

Je schwächer die Lebenskraft, desto tiefer die Furcht vorm Verenden, desto tiefer die Gier, ihr schwaches Dasein fortzusetzen; und je gewaltiger und kühner der Wille, desto geringer die Scheu vor Gefahr und Tod, desto größer der Haß auf alles Schwache und Feige.



Die herrlichste, straffste, männlichste Einrichtung unserer plebejisch-und merkantilisch-effeminierten Zeit ist das Militär. Da gilt der Mann vor allem nach seinem biologischen Werte! Stark, mutig, schlagfertig = gut; schwach, feige, träge = schlecht - diese militärische, ritterliche, aristokratische Wertungsweise ist auch die Nietzsches.

Zarathustra: „Trachte ich denn nach Glück? - Ich trachte nach meinem Werke!"

Ein typisches Nietzsche-Wort in seiner Strenge und Härte.

„Nichts wächst Erfreulicheres auf Erden als ein hoher und starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an einem solchen Baum!"

Peter Gast:

Hier ein Wort gegen die Rationalisten: In Sokrates rationalisieren sich die Instinkte, d.h.: Sie sind geschwächt und fahren fort, sich durch Vernünftigung immer mehr zu schwächen. Während die Griechen vor und neben ihm das Rechte instinktiv taten, bedurfte Sokrates, um in Empfinden und Handeln das Rechte zu treffen, der logischen Argumentation.

Christentum und Demokratismus stammen aus einer Wurzel: Aus dem Haß auf alles Starke und Große, aus dem Leiden, das der Ohnmächtige angesichts der Kraft empfindet. Für seinen Depressivzustand nimmt der Christ Rache an den Wohlgeratenen und Überlegenen. Zum Beispiel, indem er, allem Anschein zum Trotz, die „Gleichheit aller" behauptet, oder doch erstrebt... Ein Leitartikler der kanadischen Globe and Mail formulierte es einmal so: „Nobody is more inferior than those who insist on being equal." (Niemand ist minderwertiger als diejenigen, die darauf bestehen, gleich zu sein.)

Nietzsche betrachtet die Dinge nach ihrem biologischen, physiologischen Werte; zum aufsteigenden Leben sagt er „ja" und „gut", zum

niedersteigenden Leben „nein" und „schlecht". Die Vergutmütigung des Menschen zu erstreben oder gar gleich Rousseau und allen Demokraten und Revolutionisten an eine ursprüngliche Gutmütigkeit des Menschen zu glauben, ist ihm fast ein Gelächter..., aber „Moral" und Vergutmütigung bedeutet in der Gegenwart ungefähr ein und dasselbe!

Immer noch wörtlich Peter Gast:

... das immer näher kommende Resultat ist die „Gleichheit aller", das demokratische Ideal, der Ameisenhaufen.

Das ganze technisch-maschinelle Produzieren von heute, die ganze Detailwissenschaft der Sammler und Spezialisten, die ganze Mitleidsarbeit zur Erhaltung alles Kranken, Invaliden, Gichtbrüchigen und Verpestenden - wiegt jene Kraft nicht auf, die sich in einen Menschen sammelte, um als Beethovensche Sinfonie, als Goethescher Faust in die Erscheinung zu treten und der Menschheit zu beweisen, was sie ohne solche Werke nicht wissen konnte: Zu welchen Höhen sich ihr Gefühl, ihr Geist in und mit einzelnen Gewaltigen erheben könne.

Wenn Nietzsche sich selbst einen Immoralisten nennt, so will er damit jeden, der noch im süßlichen ermüdenden Dunstkreis der herrschenden Moral sein Genüge findet, von sich abschrecken. Diese Behaglichen sollen ihm fernbleiben, ihn hassen und fliehen.

Mit dem Wort „Immoralist" bezeichnet sich Nietzsche als Gegner der heute allein noch unter dem Namen „Moral" bekannten und gepredigten Wertungsweise - jener „Moral", die in dem Maße das Entstehen, Gelten und Wachsen des Großen verhindert, in welchem sie dem Kleinen, Schwachen, Niederziehenden immer mehr das Recht einräumt, sich als Norm, sich als allein existenzberechtigt, sich als allein ausschlaggebend in allen großen und kleinen Fragen der Menschheit anzusehen.

Etwas gegen oder ohne Instinkt zu tun, ist das eigentliche Zeichen der Dekadenz.... Bewegt sich dagegen die Tätigkeit eines Menschen ganz in der Richtung seiner Instinkte, so ist er auf der Bahn des aufsteigenden Lebens.

Dekadenz in Volk oder Mensch heißt: Abwesenheit vorherrschender, zusammenfassender, anführender Gewalten, infolgedessen Vordrängen niedriger Elemente, die nicht gehorchen wollen, aber deshalb noch lange nicht befehlen und Richtung geben können; weitere Folge: Auflösung und Anarchie, schließlich Reduzierung aller bis zur Gleichheit - zur gleichen Willensschwäche.

Das Mittelalter und die Renaissance konnten sich das Mitleid, die Nachsicht und Gleichsetzung mit den Untauglichen und Geringen täglich vorpredigen lassen: Diese Zeiten hatten herrische Strenge und Härte genug in sich, um dabei keinen Schaden zu nehmen...

Immer noch Peter Gast wörtlich:

Fühlt er (der Mensch) nicht, daß viele müde dessen sind, was sie haben? Daß viele mit Sehnsucht auf Neues warten, nach neuen Zielen geführt sein wollen, und niemand da ist, der dies tun könnte! Kein Zweifel, es fehlt am Besten! An Menschen - an Männern! An wahrhaft Großen! Und was jetzt „Kultur" heißt, ist beinahe nichts als eine Abhaltung von der wahren Kultur, ist ein Hindernis, zur wahren Kultur zu gelangen. Die wahre Kultur bezieht sich stets und vor allem auf die innere Welt des Menschen; mit der Entwicklung und Vertiefung des Innern geht Hand in Hand eine Abneigung gegen jede Art störenden Aufputzes und Aufdringlichmachens der äußeren Welt, wie sie jetzt üblich ist... wenn eine Kultur ohne große Anlässe prunkhaft wird, dann sind die echten, die wahrhaft Großen beiseitegedrängt - dann ist der Parvenü Herr geworden. Wer 1000 Jahre lang Sklave war und eines Tages zum Herrn wird, ist ein anderer Herr als der geborene. Der Parvenü braucht „Dekorum", „Dekoration". Dazu dienen ihm splendide Einrichtungen, Kolossal-Künste, übertriebene Kommodität und vor allem jene Unmasse blödsinnigen Krams, den Millionen Fabriken über den Erdball speien und den unumgänglich nötig zu haben eine Armee schreibender und reisender Schwätzer uns tagaus, tagein überreden will. Angesichts all dieser Dinge sagt der Weise mit antiker Gelassenheit: Wie vieles gibt es doch, das ich nicht nötig habe! Oder mit Goethe: "Ich glaube, Pracht, Eleganz ist etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen"... eine Zerstreuungs-, Verwöhnungs-, Reise-, Jahrmarktsund Überproduktionskultur. Sie vergißt über lauter Nebendingen die Hauptsache: den großen, schlichten, eben diese Art „Kultur" verachtenden Menschen!

Sollte sich irgendwo ein Schafstall als Staat konstituieren, so gibt es allemal einen Wolf in der Nachbarschaft, der sich desselben teilnahmsvoll annimmt. Bestenfalls aber wird sich aus ihm selber der große Mensch erheben und Herr des Gesindels werden... die Menge braucht nicht nur Führer, sie will sie selbst, wenn auch uneingestandenermaßen. Sie weiß mit sich nichts anzufangen; sie wird sich auf die Dauer zum Ekel.

Kommt aber der Große, dann fühlt sie mit heiligem Schauder, was sie nie gefühlt: daß die einzige Erlösung, die es auf Erden gibt, das Machtgefühl ist, an dem auch der kleinste teilhaben kann und willig teilhat! Dazu aber muß sie selbst da sein, die Macht!... als Mensch! Als Genie der Tat und des Gedankens!

Der jüngere Nietzsche-Interpret Alfred Bäumler nennt den Zarathustra das Grundbuch der heroischen Humanität, ein Buch des Willens - und des

Kampfes. Nach ihm stellt Nietzsche zwei Wertsysteme einander gegenüber: Das der Ehrfurcht und des Heroismus, wie man es bei den Griechen und in den nordischen Sagas findet, und das der Gleichheit und des Glücks, wie in der modernen Demokratie! Bäumler sieht im Zarathustra eine Seelenhaltung gestaltet - weniger eine Lehre.

Der besondere Reiz des Zarathustra liegt nicht zuletzt in der Schönheit seiner Sprache, einer Sprache, die einen neuen Höhepunkt in der deutschen Literatur darstellt, und in der sich nebenbei kaum ein Fremdwort findet! Nach Inhalt und Sprache ist der Zarathustra - wieder nach Bäumler - das Buch der azurnen Einsamkeit, eine Dichtung von immerwährendem Vorbeigehen am Gedicht. Trotz seiner bildhaften Sprache ist der Zarathustra nicht leicht zu verstehen. Er ist nicht als Anfangslektüre zu empfehlen, sondern für Leser, die sich schon mit den Grundzügen von Nietzsches Philosophie vertraut gemacht haben.

Genug der Erläuterungen durch andere. Lassen wir nun Zarathustra selbst sprechen: Im folgenden eine Auswahl von markanten Zitaten aus diesem Epoche-machenden Werk Nietzsches. Um etwaiges Nachschlagen zu erleichtern, wird jeweils die Überschrift der Kapitel, aus denen die Zitate entnommen sind, angeführt.

In seiner Vorrede spricht Nietzsche über den „letzten Menschen":

Sie haben etwas, worauf sie stolz sind... Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten... Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht hinauswirft und die Sehne seines Bogens verlernt hat zu schwirren! Ich sage euch, man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: Ihr habt noch Chaos in euch. Wehe, es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe, es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann. „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?" so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

„Wir haben das Glück erfunden", sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben; denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Mißtrauenhaben gilt ihnen als sündhaft; man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: Das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche, jeder ist gleich; wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.

Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist; so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald, sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht; aber man ehrt die Gesundheit.

„Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln. Kommentar: Mit dieser Vorrede drückt Nietzsche seine ganze Verachtung für den modernen Menschen aus.

Von den Hinterweltlern (gemeint sind die Jenseits-Prediger)

Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten. Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!

Hört meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes; eine redlichere und reinere Stimme ist dies.

Von den Verächtern des Leibes

„Leib bin ich und Seele" - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden?

Kommentar: Nietzsche wendet sich hier gegen die im Christentum vertretene dualistische Auffassung, wonach die Seele getrennt vom Leib existiere, und daß der Leib sündhaft sei, von Geburt an mit der Erbsünde belastet! Eine dem Germanen und wohl jedem gesunden Menschen völlig widersinnige Auffassung!

Von den Predigern des Todes

Voll ist die Erde von Überflüssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-vielen. Möge man sie mit dem „ewigen Leben" aus diesem Leben


weglocken!

„Das Leben ist nur Leiden" - sagen andere...: So sorgt doch, daß ihr aufhört! So sorgt doch, daß das Leben aufhört, welches nur Leiden ist! ...die Erde ist voll von solchen, welchen der Tod gepredigt werden muß. Oder das „ewige Leben"... wofern sie nur schnell dahinfahren!

Vom Krieg und Kriegsvolke

„Was ist gut?" fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Laßt die kleinen Mädchen reden „gut ist, was hübsch und rührend ist".

Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sklaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!

Von den Fliegen des Marktes

Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.

Kommentar: Man könnte meinen, Nietzsche spräche von Amerika oder dessen heutigen Nachbetern!

Vom Wege des Schaffenden

Frei nennst Du Dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß Du einem Joche entronnen bist. Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir Dein Auge künden: frei wozu?

Kommentar: Ein berühmtes Nietzsche-Zitat - eine herrische, eine großartige Forderung an den souveränen, an den preußischen Menschen!

Von der schenkenden Tugend

Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie, und um ihn eine kluge Seele: Eine goldene Sonne und um sie die Schlange der Erkenntnis.

Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, ... Eure schenkende Liebe und Erkenntnis diene dem Sinn der Erde ... und aller Dinge Wert werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Schaffende sein!

Kommentar: Macht ist der herrschende Gedanke in Nietzsches Philosophie; daher der Titel seines Hauptwerkes: Der Wille zur Macht !

Dem „Dienen" und „Kämpfen für den Sinn der Erde" ist wohl nichts hinzuzufügen.

Der andere tragende Gedanke in Nietzsches Lehre, den ich erwähnen möchte, weil in diesem Auszug nicht zitiert, ist die Lehre von der ewigen Wiederkunft: d.h. die Forderung, so zu Leben, daß ich das, was ich tue, unzählige Male tun will! Eine Diesseitslehre statt der Jenseitsausrichtung anderer Religionen!

Das Kind mit dem Spiegel - Kommentar: Hier ein Beispiel von der Gewalt der Sprache Nietzsches:

Meine ungeduldige Liebe fließt über in Strömen, abwärts, nach Aufgang und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes rauscht meine Seele in die Täler.

Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit! Aber meine Feinde sollten glauben, der Böse rase über ihren Häuptern. Auf den glückseligen Inseln:

Wollen befreit: Das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit. Vom Gesindel:

Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da sind alle Brunnen vergiftet.

Und den Herrschenden wandt' ich den Rücken, als ich sah, was sie jetzt Herrschen nennen: Schachern und Markten um Macht - mit dem Gesindel!

Kommentar: Man darf annehmen, daß Nietzsche mit dem „Gesindel" nicht nur die Porno-Welt meint, sondern den ganzen modernen „Kunst"rummel, das ganze heutige Literaten- und Politgesindel.

Von den Taranteln

Ihr Prediger der Gleichheit - der Tyrannenwahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach „Gleichheit": Eure heimlichsten Tyrannengelüste vermummen sich also in Tugendworte!

Kommentar: Der scharfsinnige und untrügliche Psychologe hat schon damals die hintergründigen Absichten und Motive der Gleichmacherei unserer heutigen Rasse- und Kulturmischer durchschaut.

Das Grablied

Kommentar: Neben dem herrlichen Nachtlied ist das Grablied eines der schönsten und bekanntesten Kapitel, sagen wir besser .Gesänge' des Zarathustra. Ich erwähnte es schon eingangs im Zusammenhang mit Nietzsches inneren Kämpfen um seinen Jugendglauben.


Wie ertrugs ich's nur? Wie verwand und überwand ich solche Wunden? Wie erstand meine Seele wieder aus diesen Gräbern?

Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: Das ist mein Wille. Schweigsam schreitet es und unverändert durch die Jahre.

Seinen Gang will er gehn auf meinen Füßen, mein alter Wille; herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.

Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da und bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle Gräber.

In dir lebt auch noch das Unerlöste meiner Jugend; heil dir, mein Wille! Und nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen.

Von der Selbst-Überwindung:

Und wer ein Schöpfer sein muß im Guten und Bösen: Wahrlich, der muß ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische.

Kommentar: Nietzsche sagt hier, daß die vermeintlichen Antipoden „gut" und „böse" in Wirklichkeit eine Einheit sind, daß im hohen Menschen, dem (Werte-)Schaffenden, wie er ihn sieht, das eine nicht ohne das andere sein kann. Kein Wunder, daß Pessimisten und Leisetreter sagen: „Der Handelnde hat Unrecht", denn jedes Handeln bedingt ein Wandeln, eine Änderung von etwas Bestehendem, ein „Böses" in den Augen der Moralisten.

Der Wanderer

Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Milch und Honig fließt!

Woher kommen die höchsten Berge? ... Da lernte ich, daß sie aus dem Meere kommen ... Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel: Aus dem Tiefsten muß das Höchste zu seiner Höhe kommen.

Kommentar: Von dieser Warte betrachtet, kann selbst ein totaler Zusammenbruch (wie der unsere 1945) Anfang und Ausgangspunkt zu neuem Aufstieg sein!

Die stillste Stunde:


Weißt du, wer allen am nötigsten tut? Der Großes befiehlt. Großes vollführen ist schwer: Aber das Schwerste ist, Großes befehlen.

Vom Gesicht und Rätsel:

Mut ist der beste Totschläger... Mut, welcher angreift... der Mut schlägt auch das Mitleiden tot. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund.

Kommentar: Nietzsche meint damit nicht praktische Volksfürsorge, sondern den heute gängigen Mitleidsrummel, Mitleid als geschickt getarntes Geschäft oder, wie von der Priesterschaft gepredigt, als Selbstschwächung des starken und souveränen Menschen...

Von der verkleinernden Tugend:

Ich gehe durch dies Volk und halte meine Augen offen: Sie vergeben mir es nicht, daß ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin... Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Ärgernis; gegen das Kleine stachlicht zu sein, dünkt mich eine Weisheit für Igel.

An anderer Stelle sagt Nietzsche:

Spare mich auf zu einem großen Siege... Und hier ein Wort für unsere Emanzen bzw. unsere Eunuchen:

Des Mannes ist hier wenig: Darum vermännlichen sich ihre Weiber. Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: Damit machen sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Haustier.

Sie wollen im Grund einfältiglich eines am meisten: Daß ihnen niemand wehtue. So kommen sie jedermann zuvor und tun ihm wohl. Wir setzen unseren Stuhl in die Mitte - das sagt mir ihr Schmunzeln - und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen.

Kommentar: Ins Politische übertragen, klingt das nicht nach „Zentrum", „Christdemokraten" usw.?

Zu viel schonend, zu viel nachgebend: So ist euer Erdreich! Aber daß ein Baum groß werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!

„Es gibt sich" - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: Es nimmt sich und wird immer mehr von euch nehmen!

Ach, daß ihr alles halbe Wollen von euch abtätet und entschlossen würdet zur Trägheit wie zur Tat!

Vor Sonnenaufgang 0 Himmel über mir, du reiner...


Kommentar: Ein Kapitel schönster Lyrik, das man selbst gelesen haben sollte.

Von den drei Bösen

... Schlecht - das ist feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche und wer auch die kleinsten Vorteile aufliest.

Verhaßt..., wer nie sich wehren will, wer giftigen Speichel und böse Blicke hinunterschluckt, der Allzu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgenügsame: das nämlich ist die knechtische Art.

... die After-Weisen, Priester, Weltmüden, und wessen Seele von Weibs- und Knechtsart ist ...

Kommentar: Man merkt, wer hier gemeint ist...

Von alten und neuen Tafeln - Kommentar: Auf über 20 Seiten gibt Nietzsche hier eine knappe Gesamtschau seiner Hauptgedanken:

Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir anderen aber, denen das Leben sich gab, wir sinnen immer darüber, was wir am besten dagegen geben!

Und wahrlich, dies ist eine vornehme Rede, welche spricht: „Was uns das Leben verspricht, das wollen wir dem Leben halten!" ... es könnte einmal kommen, daß der Pöbel Herr würde... darum bedarf es eines neuen Adels, der allem Pöbel und allem Gewaltherrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort schreibt: „edel" .

„Dem Reinen ist alles rein", so spricht das Volk. Ich aber sage euch: Den Schweinen wird alles Schwein!

„Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren..." ist auch eine Predigt zur Knechtschaft...

Kommentar: Die alles-besserwissenden, alles-zerredenden, doch nie etwas schaffenden sogenannten Intellektuellen!

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: Was fällt, das soll man auch noch stoßen!

Ich liebe die Tapferen: Aber es ist nicht genug, Haudegen zu sein -man muß auch wissen hau-schau-wen!

Das Beste soll herrschen, das Beste will auch herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da fehlt es am Besten.

Bei welchen liegt die größte Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten?

Wen hassen sie am meisten? Den Schaffenden hassen sie am meisten: Den, der Tafeln bricht und alte Werte, den Brecher, den heißen sie Verbrecher! Die Guten nämlich - die können nicht schaffen. . .

Sie kreuzigen den, der neue Werte auf neue Tafeln schreibt... Kommentar: Im Englischen die sogenannten „do-gooders", die überall in der Welt in alles ihre Nase hineinstecken müssen, im Namen des Mitleids und der Barmherzigkeit...

Warum so hart, sprach zum Diamanten einst die Küchenkohle; sind wir denn nicht Nah-verwandte?

Warum so weich...? Frage ich euch. Die Schaffenden nämlich sind hart. Diese neue Tafel stelle ich über euch: Werdet hart! Ganz hart ist allein das Edelste!

Gespräch mit den Königen

Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer.. und Bauernart sollte Herr sein! Aber es ist das Reich des Pöbels... Pöbel aber, das heißt Mischmasch. Pöbel-Mischmasch: Darin ist alles in allem durcheinander. Heiliger und Halunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noah.

Die Begrüßung

"Deutsch und derb", das ist heutzutage noch nicht der schlimmste Geschmack.

Vom höheren Menschen

Kommentar: Ein weiteres Kapitel mit einer Gesamtüberschau in zwanzig Abschnitten.

Es gibt keine höheren Menschen, so blinzelt der Pöbel - wir sind alle gleich, Mensch ist Mensch - vor Gott sind wir alle gleich... Vor dem Pöbel aber wollen wir nicht gleich sein.

Das fragt und fragt und wird nicht müde: „Wie erhält sich der Mensch am besten, am längsten, am angenehmsten?" Damit sind sie die Herren von heute.

Überwindet mir die kleinen Tugenden, die kleinen Klugheiten, die Sandkornrücksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das erbärmliche Behagen - das „Glück der meisten". Und lieber verzweifelt, als daß ihr

euch ergebt.

Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht zwingt; wer den Abgrund sieht, aber mit Stolz.

Ihr sollt es immer schlimmer und härter haben... so allein wächst der Mensch in die Höhe.

Pöbel weiß nicht, was groß, was klein, was gerade und redlich ist; der ist unschuldig krumm, der lügt immer.

Habt heute ein gutes Mißtrauen... haltet eure Gründe geheim! Dies Heute nämlich ist des Pöbels.

Wenn euch Großes mißriet, seid ihr darum - mißraten? Und noch einmal zurück zur Schenkenden Tugend. Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit heimlichem Flügelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein, ...Wahrlich, eine Stätte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein heilbringender -und eine neue Hoffnung!

Um das Bild abzurunden, kurz noch einige Zitate aus anderen Werken Nietzsches.

Neben seinem Willen zur Macht ist das vielleicht bekannteste Werk Jenseits von Gut und Böse, das zudem noch durch seine überaus geschliffene Sprache hervorragt. Die Kröner-Ausgabe von Jenseits von Gut und Böse enthält nebenbei noch seine Genealogie der Moral. Schon der Titel deutet an, daß nach Nietzsche Moral nicht etwas Gottgegebenes ist, sondern ein Produkt der sozialen und geistesgeschichtlichen Entwicklung. Daher die Verschiedenheit der herrschenden Moral zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturkreisen!

Aus Jenseits von Gut und Böse:

Das habe ich getan, sagt mir mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.

Instinkt! Wenn das Haus brennt, vergißt man sogar das Mittagessen. Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe hindert die Christen von heute, uns zu verbrennen. Die großen Epochen unseres Lebens liegen dort, wo wir den Mut gewinnen, unser Böses als unser


Bestes umzutaufen.

Goethe sagte einmal:

„Ich kann mich nicht bereden lassen. Macht mir den Teufel nur nicht klein. Ein Kerl, den alle Menschen hassen, der muß was sein!"

„Er mißfällt mir. Warum? Ich bin ihm nicht gewachsen." Hat je ein Mensch so geantwortet?

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.

Jede Moral ist ...ein Stück Tyrannei gegen die Natur, auch gegen die Vernunft.

Alfred Bäumler zur Genealogie der Moral:

Neu ist der Begriff des Ressentiments: Eine Moral, die aus dem Haß, dem Groll (Ressentiment) gegen das von Natur Wohlgeratene geboren ist... das Gegenteil der Moral von Macht, Schönheit und Selbstbejahung. Im Priester wird das Ressentiment historisch schöpferisch ... der Priester, der das Ressentiment benutzt, um zu herrschen...

Aus Der Wille zur Macht:

Die geistige Aufklärung ist ein unfehlbares Mittel, um die Menschen unsicher, willensschwächer, anschluß- und schutzbedürftiger zu machen, kurz das Herdentier im Menschen zu entwickeln. . .

Die Verkleinerung und Regierbarkeit des Menschen wird als „Fortschritt" erstrebt!

Worin eine gegnerische Rasse oder ein gegnerischer Stand seine Stärke hat, das wird ihm als sein Bösestes, Schlimmstes ausgelegt: Denn damit schadet er uns (seine „Tugenden" werden verleumdet und umgetauft).

Kommentar: Diesen Satz muß man zweimal lesen! - Ein Blinder dürfte merken, warum!

Wäre es nicht an der Zeit, je mehr der Typus „Herdentier" jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten Züchtung des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer bediente...

Kommentar: Man beachte, daß Nietzsche hier von Europa spricht! Er war darin unseren EG-Eiferern und westlichen Wertegemeinschaftlern um ein


volles Jahrhundert voraus. Schon damals bezeichnete er sich als einen guten Europäer, aber selbstredend kein integrierter, multikultureller, amerikahöriger Mischmasch-Europäer, sondern Europäer im besten Sinne des Wortes: Exponent der höchsten Kultur- und Geistesleistungen des Abendlandes!

Natürlich ist auch gegen Nietzsche der Vorwurf erhoben worden, daß er gelegentlich antisemitische Tendenzen zeigte. Hier ein Wort über die Juden, wohlgemerkt, die Äußerung eines Philosophen und Psychologen, nicht die eines Politikers oder Journalisten:

Die Juden - ein Volk, „geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die ganze antike Welt sagt, „das auserwählte Volk unter den Völkern", wie sie selbst sagen und glauben - ...

Kommentar: Vielleicht beziehen sich diejenigen auf das Nietzsche-Wort, die das Christentum als die „Rache Judas" bezeichnen.

Abgesehen von solchen Stellen werden seine tiefschürfenden psychologischen Analysen, seine ins Mark treffende Kritik der christlichen Moral sogar in weit links stehenden Kreisen gewürdigt. Und mit seiner Ankündigung der bevorstehenden politischen, sozialen und kriegerischen Umstürze, die die Welt nach ihm erschütterten, wirkt er rückblickend fast unheimlich in seiner einem hochempfindlichen Seismographen vergleichbaren prophetischen Gabe.

War Nietzsche geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, wie ihm von seinen Gegnern vorgeworfen wird? Zweifellos bestehen Gemeinsamkeiten zwischen der Weltanschauung des Nationalsozialismus und der Nietzsches insofern, als beide die Gesetze des Lebens höher werten als den heute gängigen Intellektualismus. Mit seiner biologischen Wertung des Menschen, mit seiner streng auf das Diesseits, auf die Erde bezogenen Philosophie, steht Nietzsche allerdings nicht allein da. Er war lediglich der genialste und unabhängigste Befürworter des instinktsicheren, kraftvollen Lebens.

Mit ein Grund, warum seine Lehre der aristokratischen Tugenden, der menschlichen Rangordnung nicht zum Siege führte, dürfte darin zu suchen sein, daß er sie ins Extreme steigerte. In seiner Einsamkeit, von fast allen Freunden verlassen oder mißverstanden, verfiel er immer mehr in eine Unbedingtheit, ja in eine Dämonie, die ihn schließlich alle praktischen Maßstäbe mißachten ließ.

In dieser Hinsicht gleicht Nietzsche allerdings dem Nationalsozialismus

bzw. dessen Schöpfer. Beide scheiterten am Vorherrschen des Willenhaften über kühles Wägen des Möglichen, am Starrsinn in ihrer Ideologie und letztlich an einer Hybris, die keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Es bedarf jedoch kaum der Erwähnung, daß Nietzsche sich vom bombastischen Parteifunktionär abgestoßen gefühlt hätte. Seine Schriften lassen vielmehr deutlich genug seine Vorliebe für den kultivierten, hochbegabten Renaissance-Menschen von überragender Tatkraft und Tüchtigkeit erkennen.

Noch in einem anderen wesentlichen Punkt unterscheidet Nietzsche sich vom Nationalsozialismus. Während dieser das ganze Volk zu Höhe und Macht führen wollte, war für ihn nur der Einzelmensch, das Genie von Belang. Es gibt ein Kapitel im Zarathustra, wo er für den Staat im Überlegenheitsgefühl des Philosophen nichts als Verachtung ausspricht. Es scheint ihm nicht bewußt gewesen zu sein, daß das Fehlen eines starken Staates genau den Zustand der Dekadenz herbeiführen würde, den er am meisten befürchtete und bekämpfte; daß ein Mann wie er ohne einen wohlgesonnenen Staat überhaupt nicht hätte existieren können.

Seine Verherrlichung des Krieges muß uns Heutigen, nach den ungeheuren Verlusten und Verwüstungen zweier Weltkriege, absurd erscheinen. In dem schon vorher gestreiften Kapitel Vom Krieg und Kriegsvolke sagt er z.B.: „Der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt!" Er konnte zu seiner Zeit nicht ahnen, daß nur ein Menschenalter nach Niederschrift seines Zarathustra diese Form von Heroismus angesichts der Totalität moderner Kriege und der Vernichtungskraft moderner Waffen zum völkischen Selbstmord führen könnte. Wenn fast 20 v.H. eines Volkes, darunter die Blüte seiner Jugend, ausgelöscht wird und daher ohne Nachwuchs(!) bleibt, so ist genau das Gegenteil von dem erreicht, was er unter dem Begriff Zucht und Züchtung (in Wille zur Macht) anstrebte:

Statt der Herrschaft der Besten erleben wir den Aufstieg der Hefe!

Als ganz und gar aristokratisch denkender Philosoph hatte Nietzsche für Geld und Finanzen eher Verachtung als Verständnis. Die von ihm verherrlichte Macht lag aber schon zu seiner Zeit eindeutig nicht mehr in den Händen von Heroen wie etwa Friedrich dem Großen, sondern in immer wachsendem Maße bei subversiven Cliquen und im geballten Finanzkapital. Die internationale Hochfinanz aber hat andere Vorstellungen von Macht und Ehre als Geister. Ihre Macht, die geschickt getarnte Diktatur des Geldes, versklavt den Menschen von heute durch eingepflanzten Materialismus und Konsumdenken. Eine gefährliche, eine unheimliche Macht, weil sie maßlos ist in ihrer Gier nach immer größerem, die ganze Welt unterjochenden Einfluß für immer höhere Profite!

Doch enden wir mit einer mehr positiven Note: In Wille zur Macht sagt Nietzsche: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!" Und noch ein letztes Zitat, das trotz aller Umerziehung und Verirrung Hoffnung für den deutschen Menschen enthält:

„Du wirst letzten Endes doch der, der du bist!"



Einen neuen Stolz lehrte mich mein ich, den lehre

ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den

Sand der Himmlichen Dinge zu stecken, sondern

frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde

Sinn schafft!


Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen

Weg wollen, den blindlings der Mensch gegangen,

und gut ihn heißen, und nicht mehr von ihm beiseite

Philosophen und souveräne schleichen gleich den!


Kranke und Absterbende waren es, die verachteten

Leib und Erde und erfanden das Himmlische und

die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese

süßen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und

Erde!


Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne

waren ihnen zu weit. Das seufzten sie: “O daß es

doch himmlische Wege gäbe, sich in ein anderes

Sein und Glück zu schleichen!” - da erfanden sie

sich ihre Schliche und blutigen Tränklein!


Ihrem Leib und dieser Erde nun entrückt wähnen

sie sich, diese Undankbaren. Doch wem dankten

sie ihrer Entrückung Krampf und Wonne?

Ihrem Leib und dieser Erde.


Friedrich Nietzsche

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